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Bettina Mittendorfer - Oskar Maria Grafs Weibsbilder

„Ich habe sie nie mehr wiedergesehen.“ Oskar Maria Graf hat Zeit seines Lebens die Trennung von der geliebten Mutter nicht verwunden.

Der nach Amerika exilierte Sohn hat ihr aber in „Das Leben meiner Mutter“ ein Denkmal gesetzt, wie es in der deutschsprachigen Literatur kein zweites gibt – sie war für ihn schlicht die Summe aller Frauen, weil er in ihrem bäuerlich-geradlinigen Dasein eine Art Verkörperung gelebter Wahrheit sah: „Im Kleinen vielleicht das ganz Große“, schrieb er. Bettina Mittendorfer hat sich die lebensprallen Frauen-Figuren in Grafs Romanen, sein schriftstellerisches Umkreisen des Weiblichen nunmehr vorgenommen und zu einem intensiven szenischen Programm verdichtet, das im bosco für lang anhaltenden Applaus sorgte.

„Oskar Maria Grafs Weibsbilder“, so der durchaus mehrdeutige Titel, lassen Bilder auferstehen, höchst greifbare, realistische Bilder von Frauen, wie Graf sie in seiner präzisen Sprache zu zeichnen vermochte. Frauen, die einmal wirklich gelebt haben und an die sich der heimatlos Gewordene mit aller Erinnerungskraft, zu der er fähig war, geklammert hat.
Auch Bilder, die seinen Projektionen als verlorener Sohn entsprochen haben müssen, gab es: Bettina Mittendorfer gleitet erzählend und lesend in diese Figuren hinein, wird selbst zum Körper. Gschnappige Ziegen sind auch unter diesen Frauen (man stellt sie sich dürr und missgünstig vor), oder die „Rebellin“ Ursula Peschl - meist aber pries Graf die lebenszugewandten, barocken unter ihnen. Beschrieb die handfesten Verführungskünste einer Stallmagd, die Liebesfähigkeit einer Bäuerin, die ihrem Mann beim häuslichen Rasieren vor lauter Neckerei fast die Gurgel durchschneidet, die Städterinnen, die man bei der Faschingsredoute treffen konnte – und immer wieder die Mütter, die so viel fester dem Sturm der Zeiten widerstanden als die Mannsbilder.
Bairisch ist das kraftvolle Idiom, das diese Festigkeit zum Ausdruck bringt – die aus Niederbayern kommende Mittendorfer spricht diese Sprache selber, anverwandelt sich nur die einzelnen Figuren dazu.

Politisch sind Grafs Weibsbilder schon gleich gar nicht gewesen, dafür gottgläubig und pragmatisch: „Der Herrgott werd scho wissn, wer regiern soi“, lässt er eine dieser Frauen sagen, die in den Wirren der Münchner Räterepublik bald als Witwe eines streikenden Eisenbahners dastehen wird und den Verstand verliert vor lauter Schmerz. Die nach innen gekehrten, lyrischen Momente sind bei „OMG“ nicht minder großartig als seine Prosa – Bettina Mittendorfer hält hierfür immer wieder inne im Fluss des szenischen Erzählens, streut diese Zeilen wie Goldstaub. Paul Zauner bläst dazu, wenn´s passt, auf der Posaune kurze Skizzen - wie mit einem „akustischen“ Mal-Pinsel.
Und am Ende kehrt auch Mittendorfer zurück zur über alles geliebten Graf-Mutter – mit den zitierten Zeilen aus dem allerletzten Brief an den Sohn Oskar Maria: Einfache, karge Worte einer Mutter, Wahrheit. Im Kleinen das Große.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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