Liebe Besucher der Kulturwelle5,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unser Kulturportal für das Starnberger Fünfseeland nach dreieinhalb spannenden Jahren einstellen.

Falls Sie einen Blick auf die Ereignisse der Jahre 2012 bis Anfang 2015 werfen möchten,
klicken Sie hier.

Wir wünschen allen Kulturveranstaltern und Kulturinteressierten viel Erfolg und alles Gute,
das Team der Kulturwelle5

Das Christkind nur für die Armen: "Heilige Nacht" mit Bettina Mittendorfer

Ludwig Thomas Vers-Epos "Heilige Nacht" ist ein vorweihnachtlicher Klassiker. Bettina Mittendorfer gestaltet die Geschichte im Gautinger bosco zu einem kleinen Volkstheater mit rasantem Rollenwechsel. Als versierte Mundart-Sprecherin gelingt ihr das nach Oberbayern versetzte Geschehen zu einer – größtenteils – auch für Zugereiste verständliche Parabel vom wahren Reichtum: dem, ein Wunder erkennen zu können.

Woran liegt es, dass man als Zuschauer so berührt wird (gerade auch, wenn man die wenigsten Sätze wortwörtlich versteht)? Es liegt ein Zauber über dieser Vorstellung, ein Glanz, „als waar da ganz Himmi aufgmacht“. Der besteht zum einen in der verblüffenden Schlichtheit des Erzählertons. Da ist jemand fähig zum Staunen, über die Kaltblütigkeit und Ignoranz der Verwöhnten genauso wie über die Herzenswärme des einfachen Mannes Simmei. Der Zauber besteht aber darüber hinaus in dem Spiel, das die Schauspielerin Mittendorfer mit den verschiedenen Protagonisten treibt. Mal ist sie der Joseph, mal die Maria, dann wieder der hilfreiche Handwerksbursche, der dem Joseph beim Tragen der erschöpften Frau hilft. Sie ist die schimpfende Frau des Verwandten, an den der Joseph sich in seiner Not wendet, und sie ist dieser Sosias selber, der nichts wissen will von Verwandtschaft aus Nazareth. Ein Tuch wird zum warmen Federbett, unter dem die beiden liegen in dieser so besonderen Nacht und unter dem sie verwirrt hervorschauen, als sie spüren, dass etwas an ihnen vorübergeht, das ihnen fern bleiben wird und unerklärlich.

Mit einem großen Gespür für die Poesie im Derben hält Bettina Mittendorfer stets die Balance zwischen dem Heiligen und dem Profanen. Da verheddert sich der Luggi zwischendurch mal vor lauter Begeisterung im Text und greift ganz einfach zum bereitliegenden Buch. Dann wieder springt er auf den Tisch und schaut als Engel aufs Geschehen wie die Logenbesucher der Muppet Show. Gleich zu Beginn lässt er, beim Anstimmen der ersten Zeilen, Pausen für die Zuschauer in der ersten Reihe, damit diese mitsprechen können. Und zugleich breitet er das Geschehen im Stall mit großem Ernst und mit Tiefe aus, ohne jemals in die Nähe von Pathos zu geraten. Ein einfacher Bursche ist er und ein Dichter zugleich.

Es ist eine Geschichte für die Armen, für diejenigen, die sich vorstellen können, was es bedeutet, draußen allein stehengelassen zu werden. Und darum wünscht man sie sich an Tagen wie diesen, wo sich die Massen durch die Fußgängerzonen schieben und zum Meer der Berauschten werden, während anderswo das Meer jene an den Strand spült, die vergeblich eine Zuflucht gesucht haben. „Und fragt's enk, ob dös nix bedeut'“, lässt Ludwig Thoma sein Versepos enden, „daß 's Christkind bloß Arme g'sehg'n hamm“. Da wird die nach Oberbayern versetzte Geschichte auf einmal ganz zeitgemäß, ganz nah.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA

Captcha-Sicherheitsfrage gegen Spam-Mail (kommt leider immer wieder vor) Bitte vervollständigen Sie folgende Rechnung: