Liebe Besucher der Kulturwelle5,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unser Kulturportal für das Starnberger Fünfseeland nach dreieinhalb spannenden Jahren einstellen.

Falls Sie einen Blick auf die Ereignisse der Jahre 2012 bis Anfang 2015 werfen möchten,
klicken Sie hier.

Wir wünschen allen Kulturveranstaltern und Kulturinteressierten viel Erfolg und alles Gute,
das Team der Kulturwelle5

Die Frau, die gegen Türen rannte: Gastspiel vom Schauspiel Frankfurt im bosco

Das blaue Auge, sagt Paula Spencer, kommt davon, weil sie gegen eine Tür gerannt ist. Immer wieder. Gegen Türen gerannt. Paula Spencer ist 39 Jahre alt, wenn man ihr Make-up und einen Spiegel und eine halbe Stunde Zeit gibt, kann sie aussehen wie 30, und morgens nach dem Aufstehen sieht sie aus wie 50. Da liegt eine schlaflose Nacht und die jeden Tag versteckte, jeden Abend wiedergefundene Schnapsflasche hinter ihr und eigentlich ist es ihr ganzes sinnentleertes Leben, das sie so müde macht, so alt. Denn Paula ist die Frau, die gegen Türen rennt. Deren Körper von der Gewalt erzählt, die ihr Mann ihr antut, die ihr Vater ihr angetan hat, die Mitschüler. Die Welt. „Mein Leben hat einen tollen Soundtrack“, sagt Paula.

„Die Frau, die gegen Türen rannte“, lautet der Titel eines knapp neunzigminütigen Monologs des irischen Dramatikers Roddy Doyle, mit dem das Schauspiel Frankfurt heute im bosco gastierte. Bettina Hoppe ist Paula Spencer. Bettina Hoppe ist die Frau im schrill gemusterten lila Polyesterpullover, in dem billigen Jeansrock und mit dem billigen Lidschatten. Diese Frau redet zu schnell und oft zu laut, sie baut sich eine Rüstung aus hingerotzten Sätzen, gibt sich unverletzlich. Mit weit ausholenden Gesten schafft sie Raum um sich, hält das alles auf Abstand, den Mann, die Schläge, die Kindheit, die sie nie hatte. In der es jenen Blumenvorhang nie gab, den sie erinnert, wenn sie das Wort „Zuhause“ denkt und die endgültig unwiederbringlich vorüber ist mit dem entsetzten Blick ihrer Mutter, als diese im Bad entdeckt, dass die Tochter einen Busen bekommt. Von da an beginnt das allmähliche Verschwinden der Paula Spencer, ihre Entmenschlichung. „Wir kamen als Kinder und wurden zu Tieren“, erinnert sie sich an ihre Schulzeit, „und kein Mensch scherte sich darum.“ Bettina Hoppe spielt das mit einer Genauigkeit, die kalt unter die Haut kriecht. Sie lässt Paula weit ausholen und ihre Geschichte scheinbar kaltschnäuzig ausspucken, während sich in ihrem Gesicht die mühsam versteckte Verletzlichkeit spiegelt. Die ganzen verlorenen Jahre. Das verlorene Leben.

Denn der Soundtrack ihres Lebens ist nur für Momente toll. Immer dann, wenn die lauten, peitschenden Song dem Glück zu nahe kommen, reißen sie ab. Als ob jemand eine Tür zuschlägt. Und sie bleiben in den Sechziger, Siebziger Jahren hängen. Die Achtziger, als Paula die Frau von Charlo wird , als sie nacheinander viermal Mutter wird, als der Griff zur Flasche der einzige tägliche Halt auf der abwärts rasenden Bahn wird, die fehlen komplett im Soundtrack. Filmriss. Jetzt greifen die Hände, die weit ausholenden Gebärden ins Leere. Da ist niemand, alles ist ihr entglitten, die Kinder, der Mann. Sie ist allein.

Klinisch weiß wie ein Krankenhausbett, wie die Wände in einer Notaufnahme ist die Folie, auf und vor der Bettina Hoppe Paulas Geschichte spielt (Bühne: Olga Ventosa Quintana). Regisseur Oliver Reese stellt den Monolog in diesem grell hellen Raum frei, lässt ihn zur Operation werden, zur schattenfreien schutzlosen Gegenüberstellung. Der Zuschauer kann sich der Grausamkeit dieser Geschichte in keinem Moment entziehen, ist ihr ausgeliefert, wie die Frau vor der Folie ihr ausgeliefert ist. Wie sie der Musik ausgeliefert ist, den verlogenen Songs von ewiger Liebe, die so plötzlich in den Raum einbrechen, wie sie daraus verschwinden. „Was jetzt?“ wurde Paula von der Tochter gefragt, nachdem Charlo, der gewalttätige Mann, aus ihrem Leben verschwand. Und Paula weiß es nicht. Weiß es immer noch nicht, jetzt, am Ende ihres 39 Jahre dauernden Lebens. Eine Geschichte aus Irland? Eine Geschichte von nebenan.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA

Captcha-Sicherheitsfrage gegen Spam-Mail (kommt leider immer wieder vor) Bitte vervollständigen Sie folgende Rechnung: