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Drei (W)Orte: Lyrik bei der Kunstausstellung Bernried

„Du musst gehen / um zu sehen / zu verstehen / Darfst nicht sitzen bleiben / musst dir einverleiben / was die Menschen treiben / Und dann kannst du – schreiben.“ Mit solch programmatischen „Lyrik to go“-Zeilen von Magnus Reitinger hätte man den mobilen Gedicht-Abend im Rahmen der Bernrieder Kunstausstellung getrost einleiten können – überschrieben war er ähnlich treffend mit „Drei (W)Orte“, denn zu Gehör gebracht wurden die lyrischen Texte, in thematische Abschnitte gegliedert, an den drei Orten der Ausstellung: Im Klostertorbogen, im „Glashaus“ und im Sommerkeller.

„Wir haben lange überlegt, wann der Wetterbericht so ist, dass man so etwas machen kann“, sagte der Weilheimer Lyriker und Journalist Reitinger zu Beginn. Das klang unverzagt und doch ein wenig ironisch, da der Regen draußen in diesem Moment noch zu-nahm. Rund 30 Neugierige waren dennoch gekommen, um sich von Wort zu Wort und Ort zu Ort durch den Abend führen zu lassen: Der Weßlinger Verleger Anton G. Leitner, seines Zeichens die treibende Kraft der aktuellen deutschsprachigen Lyrik, packte gleich mal seinen 2005 entstandenen Vierzeiler „Spring“ aus, der die Leute sofort entzückte: „Im Ur / Sprung / Ein Ei / Sprang.“

Derart fruchtbar ging es zwischen den Bildern und (teils ebenfalls mit Texten beschrifteten) Sitz-Kartons im Klostertorbogen weiter, bis Magnus Reitinger zum ersten Wanderabschnitt Richtung Gewächshaus der Gärtnerei Steiger bat. Dort angekommen, wurden die abwechselnd vorgetragenen Texte gewissermaßen „pflanzlicher“ – und Reitinger rezitierte: „Lass uns mit Versen werfen / aus dem Glashaus / und hoffen, dass die Hecken schützen, / wenn die Worte Blüten treiben. / Ich will ins Kraut schießen, / doch keine Wurzeln schlagen, / denn wer Gewalt sät, / wird kaum Frieden ernten. / Um nicht ins Gras zu beißen, / müssen wir leben, / dürfen wir streben / nach Licht und mehr, / sollten wir froh sein: / Denn Erde, wem Erde gebührt.“ Von christlichem Gedankengut und tiefem Respekt vor der Schöpfung beeinflusst ist seine dichterische Sprache, die ihre Vorbilder oft bei den Naturalisten des 19. Jahrhunderts findet, deren Blick aber ergänzt um eine kritische Haltung zur Moderne. Der seit fast vierzig Jahren Gedichte schreibende Anton G. Leitner siedelt gleichfalls naturnah, doch ist seine Auseinandersetzung mit der Neuzeit zumeist in skeptische, komprimierte Ironie gegossen: „Die eigene, kleine / Welt nimmt ab / Während du zunimmst / Von Jahr zu Jahr / Mehr Freunde / Weniger / Sagt einer, der / Noch da ist: / Horaz lebt doch / Und Shakespeare / Auch: Rosige / Aussichten also.“

Im Sommerkeller, dem an diesem regnerischen Abend wacker erwanderten dritten Ort der lyrischen Taten, lud man zum von Wein und Schmalzbroten befeuerten Finale: Liebe, Erotik und auch Sarkastisches über einen Kurort namens „Bad Sodbrennen“ bei Leitner,  Andächtiges durch Magnus Reitinger, der unter anderem Matthias Claudius' („Täglich zu singen“) Worte über das pure Geschenk des Daseins wiedergab – damit ignoriert der zitierte Dichter an diesem geglückten Abend sogar die  Bewölkung und bringt seine Dankbarkeit zum Ausdruck: „...dass ich die Sonne, Berg und Meer / Und Laub und Gras kann sehen, / Und abends unterm Sternenmeer / Und lieben Monde gehen....“ Man könnte sagen, der trilokale Abend war ein Gedicht.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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