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Filmkritik: Paradies - Glaube

„Nicht mein Wille geschehe – Deiner!“ Anna Maria pflegt ein geradezu erotisches Verhältnis zu Jesus und nimmt den Herrn sogar samt Kreuz mit ins Bett, das zeigt Ulrich Seidls zweiter Film der „Paradies“-Trilogie in schöner Deutlichkeit – Katholizismus ist hier vor allem als verzweifelte Strategie zu besichtigen, Verantwortung abzugeben. „Paradies: Glaube“ beschreibt, wie weit auch Christen sich von der Lebenswirklichkeit entfernen können, wenn sie zu Fundamentalisten werden.

Irgendwo im S-Bahnbereich des Großraums Wien lebt diese Anna Maria (Maria Hofstätter), eine Frau um die 50, die zwar in einem Krankenhaus arbeitet, aber in der offensiven Verbreitung von Strenggläubigkeit offenbar ihren eigentlichen Lebenssinn erkannt hat: Regelmäßig peitscht sie sich in ihrer mit Kreuzen und Papst-Fotos voll gehängten Wohnung selber aus oder rutscht Gebete deklamierend auf Knien umher. Ständig begleiten Begriffe wie Sünde, Pflicht, Buße und Strafe ihren Alltag. Anna Maria hält Bibelkreise ab, bei denen u.a. der Satz fällt: „Herr, wir wollen, dass Österreich wieder katholisch wird.“ Sie fährt ein Auto mit der Aufschrift „Radio Maria“ und macht mit einer Marienstatue in der Hand immer wieder auch Hausbesuche. Dort trifft sie auf Menschen, die sich meist gar nicht retten lassen wollen: Trinker, Messis oder auch ein Ehepaar, das sich von der Kirche längst keine Vorschriften machen lässt. Auf dem Heimweg muss die Frau auch noch erleben, wie Gruppensex im Stadtpark ausschaut – nach so viel „Sodom und Gomorrha“ hilft wohl nicht mal mehr ein Reinigungsbad mit Seife: Es ist eine allem Anschein nach komplett sinnlose Mission, auf die sich Anna-Maria da begeben hat.

Doch liefert „Paradies: Glaube“ nicht nur die Bestandsaufnahme eines vereinsamten Lebens voller fragwürdiger Sinn-Suche, sondern auch eine Erklärung, warum diese Anna-Maria vielleicht genau so geworden ist, wie der Film sie zeigt: Eines Tages kehrt aus heiterem Himmel ihr Mann Nabil wieder zu ihr zurück, nachdem er lange in seiner ägyptischen Heimat gelebt hat. Nabil ist Muslim und verlangt von Anna-Maria schon bald erneute Unterordnung. Obwohl nach einem Unfall auf den Rollstuhl angewiesen, fordert er von Anna-Maria die „eheliche Pflichten“ ein – ein Albtraum für die inzwischen faktisch keusch lebende Frau. In der düsteren Wohnung beginnt eine Art Privat-Krieg der Religionen – Nabil schubst mit seinem Gehstock die Kreuze von der Wand, Anna-Maria be-sprüht ihn im Schlaf mit Weihwasser, man prügelt sich, beschimpft und schikaniert einander.

Für den Zuschauer ist „Paradies: Glaube“ ein fast zweistündiges, reichlich anstrengendes Stück Kino voller Monstrositäten – dennoch gibt es am Ende so etwas wie „Erlösung“ aus all dem erstickenden Fundamentalismus. Es obsiegt nämlich nichts Katechetisches, sondern die reine Barmherzigkeit. Ulrich Seidl hat nach „Paradies: Liebe“, dem ersten Teil seiner Trilogie, erneut das schiere Ausmaß menschlicher Verzweiflungsformen ausgelotet. Und auch hier bleibt nichts anderes übrig als das Existenzielle: Dann, wenn all die Tünche und die ideologischen Überbauten endlich abbröckeln.

„Paradies: Glaube“ läuft noch bis 27.März im Breitwand-Kino Seefeld.

 

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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