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FSFF Virgin Tales: Neokonservative Prüderie auch bei uns?

Der Film „Virgin Tales“, eine Dokumentation über neokonservative Keuschheitsbewegung in den USA, tritt auf dem Fünf Seen Filmfestival für den Horizonte-Filmpreis an. Sophie von Wiedersperg, Gleichstellungsbeauftragte im Landratsamt Starnberg, kommt am Donnerstagabend zum Filmgespräch ins Kino nach Seefeld. „Ich war sprachlos“, sagt sie über den Film: „Unter dem Deckmäntelchen von Religion und Familie wird hier eine alte Rollenverteilung propagiert, bei der die Männer als Führer der Frauen und der Familie gelten, das ist ein Rückschritt ins Mittelalter.“

Von „Virgin Tales“ wird man vor allem die Mädchen in den weißen Prinzessinnenkleidern in Erinnerung behalten. Sie frisieren sich, sie haben rote Bäckchen und schnattern aufgeregt. Dann tanzen sie einen Reigen um ein riesiges Holzkreuz. Sie lächeln in die Kamera und erzählen, dass sie auf einen Märchenprinzen warten wollen, der ihnen von Gott geschickt wird und der sie vor dem Traualtar zum ersten Mal küsst.

Angeblich legt bereits jedes achte Mädchen in den USA ein Keuschheitsgelübde ab und schwört, „rein“ in die Ehe zu gehen. Das zentrale Ritual dieser neuen Keuschheitsbewegung, die ihren Ursprung in den evangelikalen Kirchen hat, ist der „Purity Ball“, den Väter mit ihren Töchtern besuchen, um das Warten auf den Mann zu feiern, der den Papa als Beschützer und Führer ablösen soll. Die Schweizer Filmemacherin Mirjam von Arx hat für die Filmdokumentation „Virgin Tales“ zwei Jahre lang die neunköpfige Familie Wilson aus Colarado begleitet. Vater Randy ist der Begründer der Keuschheitsbälle, die mittlerweile in 48 US-Staaten stattfinden, seine fünf Töchter haben für den Tanz um das Kreuz eine eigene Choreografie einstudiert. Eine Berufsausbildung haben sie nicht, sie haben nicht einmal eine öffentliche Schule besucht. Die sieben Wilson-Sprösslinge wurden von Mutter Lisa zu Hause unterrichtet, um sie vor der „Welt da draussen“ zu schützen.

Die Jugendlichen, die keine Schule besuchen dürfen, werden bewusst von der Außenwelt abgeschottet. Kontakt zu Gleichaltrigen haben sie allenfalls bei Gottesdienst. Sie haben keinen Zugang zu alternativen Denkweisen und Lebensmodellen – sogar Kussszenen werden in den Filmen zensiert, die sie anschauen dürfen. Die neokonservative Prüderie-Bewegung ist keineswegs ein rein amerikanisches Phänomen, auch in Europa werden mittlerweile Keuschheitsbälle veranstaltet. Die deutsche Sektion „Wahre Liebe Wartet“ der internationalen christlichen Bewegung „True Love Waits“ propagiert bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen völlige sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe, die sie mit dem christlichen Postulat der ehelichen Treue begründet.

„Auch bei uns gibt es immer noch ein sehr ambivalentes Denken. Es ist es längst noch nicht klar, in welche Richtung es gehen wird“, sagt Sophie von Wiedersperg, „das Betreuungsgeld ist das jüngste Beispiel dafür, dass die arbeitende Frau noch nicht die Norm ist“. Die Gleichstellungsbeauftragte ist der Meinung, dass die Gesellschaft noch immer keinen klaren Standpunkt zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gefunden hat. „In den konservativen Parteien herrscht immer noch das Wunschdenken von einer heilen Welt, in der die Frau bei den Kindern bleibt. Man hat ja jetzt gesehen, wie lange es mit dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz gedauert hat.“ Sophie von Wiedersperg arbeitet auch in der Schwangerschafts- und Aidsprävention: „Da dürfen wir zwar mit den Jugendlichen über Verhütung sprechen, aber keine Kondome verteilen. Wir sind von staatlicher Seite dazu angehalten, auf Enthaltsamkeit als Möglichkeit der Verhütung hinzuweisen.“

 

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Die Website zum Film: virgintales.com

Der Film Virgin Tales läuft im Rahmen des FSFF 2013 noch am 01.08. um 19:00h im Schloss Seefeld, im Anschluss findet das Filmgespräch statt.
Am Freitag, 02.08.2013, ist er noch einmal um 17.30 Uhr in Anwesenheit der Regisseurin im Kino in Herrsching zu sehen.

Über den Autor

Katja Sebald (ks)

Autorin, Journalistin und Übersetzerin, studierte in München Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Bayerische Kirchengeschichte und Italienische Philologie.

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