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Gautinger Kinderfrühling: Papier.Krieg

„Wir hatten Verdunkelung.“ Dieser Satz könnte gut über einem ganzen Zeitalter stehen. Über einem Zeitalter, in dem alles verbrannt ist, das selbstgeschneiderte Puppenkleid und der Teddybär des kleinen Bruders und die ganzen teils beschämenden, teils beängstigenden Erinnerungen. Über einem Zeitalter, in dem es Stalintorte gab und Horst-Wessel-Wurst und in dem fürs Schiffe-Versenken die Schiffe zum Flottenverbund angeordnet wurden, damit sie besser geschützt waren – auf dem karierten Rechenblatt sind sie auf diese Weise dagegen sofort versenkt. „Papier. Krieg – Geschichten eines nahen Jahrhunderts“ ist ein von Jörg Baesecke erzähltes Bühnen-Memory, ist Theater gewordene Oral History, aus Papier geschnitten, aus Erinnerungen extrahiert. Am Montag- und Dienstagmorgen gastierten Baesecke und seine „Kleinste Bühne der Welt“ im Rahmen des Kinderfrühlings im bosco.

Wann endet eine Nachkriegszeit? Wenn die Generation der Zeitzeugen stirbt? Wenn der gesichtete Nachlass ausgewertet und abgeheftet ist? Oder dauern die Verletzungen und die unausgesprochenen Ängste, all die einer Familie gehörenden Sätze weiter an, solange es jemanden gibt, der sich daran erinnert? „Ich mache mir ein Memory“, sagt Jörg Baesecke zu Beginn der Vorstellung und deutet auf die Blätter am Boden. Paarweise gehören sie zusammen, mal ergibt sich aus Schere und Papier ein Paar, dann wieder ein anderes aus dem Bild eines Stahlhelms und dessen Negativ. Auf dem Tisch steht ein aufgeklappter alter Lederkoffer, und Baesecke entnimmt diesem ein Album aus losen Blättern. Blatt für Blatt erzählt er die Geschichte seiner Eltern, die schon vor dem Tag seiner Geburt auch die seine ist und zugleich die Geschichte des langen 20. Jahrhunderts. „Geschichte kann man nicht abwählen“, hat der Vater gesagt, als der Sohn auf dem Gymnasium überlegt, welche Fächer er weiterführen und welche er ablegen will. Derselbe Vater, der während des Zweiten Weltkriegs in Finnland war, was dem Sohn beim Spiel mit den Freunden in Friedenszeiten Spott einträgt: „War da überhaupt Krieg?“ 

Wie beim Memoryspiel sind es auch hier die einzelnen Symbole, die einen Bogen schlagen zu einem nur auf den ersten Blick weit entfernten Kärtchen, einer hinter dem nächsten Winkel des Gedächtnisses liegenden Geschichte. Der Stahlhelm – die Ehe der Eltern wurde in Abwesenheit des Bräutigams während des Krieges geschlossen, die Mutter musste auf einen Stahlhelm dem Gatten ewige Treue schwören. Der Toaster – die Kinder rösteten sich Weißbrot, der Vater eine Scheibe Graubrot, so wie in der Kriegsgefangenschaft, wo das Brot so feucht war, die sogenannte „Stalintorte“. Das Schlüsselloch – Erinnerung an eine Szene im Film „Die Brücke“, wo ein Junge durchs Schlüsselloch den Vater beim Sex mit einer fremden Frau beobachtet und ein Stück Haut sichtbar wird. Haut, die bei den Eltern zur Hüterin dessen wird, was unter ihr verborgen liegt. Der Trinkbecher mit dem Strohhalm, der an den Sauerstofftropf der im Krankenhaus sterbenden Mutter erinnert und daran, wie sie von jüdischen Händlern träumt, die sie rauben wollen. 

„Ich habe nichts zu erzählen“, denkt der Sohn zu Beginn und ist doch schon mittendrin. Einer, der seine Existenz der Tatsache zu verdanken hat, dass am 17. Juni 1953 ein Aufstand in Berlin und dessen tragische Folgen die Bahnfahrt der Mutter zu einer Abtreibung verhindert, so einer ist längst in die Geschichte verstrickt. Genau wie jeder andere. Die jugendlichen Zuschauer spüren das, spüren, dass auch sie der Geschichte nicht entkommen, sie nicht abwählen können. Tatsächlich lässt Baesecke sie sogar selber vorkommen im Stück, indem er aus Papier einen Saal voller Zuschauerköpfe schafft und sich selbst mit dem Trinkbecher auf der Bühne. Ist das Theater? tuscheln die Papierköpfe, und: warum redet der nicht über Hitler? 

Tut er noch, und vieles mehr wird angesprochen, angespielt, ohne dass es vieler Worte bedarf. Geschichte ist die Summe erzählter Erinnerungen. Die Echos vergangener Geschehnisse. Verborgen in einem Koffer, den jeder zuhause hat.

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Jörg Baesecke "Papier.Krieg" in der Gemeindebücherei Feldafing, Nov. 2012
www.kleinstebuehne.de
 

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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