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Halfpipe als Kulisse einer Jugend: "Tschick"

Es gibt Bücher, die will man niemals verfilmt oder anders dargestellt sehen, never. „Tschick“ von Wolfgang Herrndorfer gehört dazu. Weil es eines von den Büchern ist, in denen jedes Wort an der richtigen Stelle und kein Satz zuviel ist. Doch Überzeugungen sind dazu da, revidiert zu werden, und genau das ist während der „Tschick“-Vorstellung des Staatsschauspiels Dresden geschehen.

Jan Gehlers Inszenierung, die Dramatisierung des Romanstoffs durch Dresdens Chefdramaturgen Robert Koall und die großartigen Schauspieler Benjamin Pauquet, Sebastian Wendelin, Lea Ruckpaul, Anna-Katharina Muck und Holger Hübner haben eine Lesart des Romans gezeigt, die ein eigenständiges Kunstwerk neben einen der besten Romane der letzten zehn Jahre stellt. Ganz ohne Auto und Landschaft und all das, was ein Roman an Bildern schafft, das war in diesem Fall egal. „Nicht egal ist: Bist du glücklich damit?“ sagt Maiks Mutter am Ende. Und mit dieser Bühnenfassung von „Tschick“ ist man restlos glücklich.

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Eine Art Halfpipe und ein Ghettoblaster. Die Walachei ist an jedem Straßeneck, in den Köpfen, die Walachei kann die Kulisse einer Jugend sein. Auf der Bühne wird die Halfpipe zum Schrottberg, zum Gartenzaun, zur Autobahn. Zur schiefen Bahn, die überall lauert und auf die man gar nicht erst geraten muss, um auf ihr auszurutschen. Benjamin Pauquet als Maik hat sie schon im Rücken, als er beginnt, sich vorstellt wie in einem selbstgedrehten YouTube-Imageclip, wie im Stuhlkreis bei der Bewährungshelferin: „Mein Name ist Maik Klingeberg, Maik. Nicht Maiki, nicht Klinge und der ganze andere Quatsch auch nicht, immer nur Maik.“ In einem leicht nöligen Ton, so, als habe ihm einer gesagt, er solle die ganze Geschichte einfach von vorne erzählen und dann der Reihe nach so weiter. Bis ihm Tschick von hinten in den Weg rutscht. Tschick, dem Sebastian Wendelin einen leichten Gangstarapperjargon verleiht, mit konsequent durchgezogenem Ostlerakzent und der ganzen Chuzpe eines Menschen, der den Verliererstempel weder abwischen noch akzeptieren kann. Und dann wird die Halfpipe zu ihrer Bühne, ihrer Startrampe, von hier aus rasen und klettern und rutschen und stürmen sie durch ihre Reise, die eigentlich eine Initiation ist, ganz so wie die Skaterakrobatik jugendlicher Straßenkünstler.

Irgendwann taucht Isa auf, das auf den Müll geworfene Mädchen, von Lea Ruckpaul als traurige Göre gespielt, mit der Wut einer Überflüssigen und der Grandezza einer Prinzessin. Und ein paar Erwachsene umrunden die schräge Bahn, mal überraschend mitfühlend, dann wieder klassisch erziehungsberechtigt – perfekt mit wenigen gestisch-sprachlichen Mitteln die Rollen kennzeichnend, die Karikatur mit bestem Witz gestaltend Anna-Katharina Muck und Holger Hübner.

Ein Roman schafft seine Bilder einzig über die Sprache. Das Theater findet szenische Übersetzungen. Besonders im Gedächtnis haften bleiben Bilder wie die des Autos im Kornfeld, das Wendelin mit einer Dauerdrehung um sich selbst, den Ghettoblaster im  ausgestreckten Arm illustriert. Oder das Bild am Ende, als Pauquet und Ruckpaul kopfüber hängen, eine Briefschreiberin und ihr Leser. Oder der Unfall am Ende, der die beiden Jungs immer wieder umeinander schleudert, was sie mit allergrößtem Vergnügen spielen, so wie Jungs eben Krieg spielen, mit viel Hinfallen und wieder Aufstehen und lauten Geräuschen dazu.

Die Lust am Spiel prägt diesen Abend, auch die vielen kleinen Extempori und Improvisationen, wie sie nun mal eine gut gereifte Produktion mit sich bringt. Dass vor allem die beiden Hauptdarsteller sich trotzdem mit großem Vergnügen die manchmal überraschenden Bälle zuspielen, gehört auch zu dieser ganz besonderen Lesart von „Tschick“. Am Ende möchte man am liebsten sitzen bleiben und die Luft anhalten. Wenigstens so lange, wie es eben geht. So sehr freut man sich über diesen Abend.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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