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Hinterblieben zwischen Steinen: "Der eine schläft, der andere wacht"

Nur wenige fanden am Donnerstagabend ins Gautinger bosco, um Claudia Klischat aus ihrem Roman „Der eine schläft, der andere wacht“  lesen zu hören. „Wir sind ein intimer Kreis“, sagt die in Wolfratshausen geborene Autorin zur Begrüßung, „und vielleicht ist das gut für den Roman.“

„Der eine schläft, der andere wacht“ ist eine Geschichte vom Hinterbliebensein. Die Ich-Erzählerin hat in einem winzigen Dorf gemeinsam mit ihrer Freundin Ina eine Bar geführt. Gerade, als die zwei Frauen angekommen waren, als die Bar Gäste fand, starb Ina. „Entschlafen“, sei sie, sagt die Ich-Erzählerin. Und tatsächlich zeitigt Inas früher, überraschender Tod Folgen eines Dornröschenschlafes, und zwar bei den Menschen im Dorf, denen die Ich-Erzählerin begegnet: sie versteinern. Bald ist die Ich-Erzählerin die Einzige, allein in einem Dorf, das aus der Zeit gefallen scheint, in dem sich niemand mehr bewegt. Um zu überleben, muss sie jagen lernen, Tiere erlegen und zubereiten. Irgendwann entdeckt sie frische Spuren im Wald, stößt auf einen Holztransporter, begleitet dessen Fahrer aus dem Dorf hinaus und bis über die Grenze. Das Leben, scheint es, hat sie wieder.

Claudia Klischat erzählt in einer extrem verdichteten, mit Elementen der Lyrik arbeitenden Sprache. Ina, die „Entschlafene“, war Lyrikerin, überall stößt die Ich-Erzählerin auf ihre Notizen, ihre Gedichte, sie zieht in die Sprachwelt der Freundin ein wie in ein hinterlassenes Nest. Erinnertes, Erzähltes und Gefundenes verweben sich zu einem Sprachnetz, werden zur Textur des Verlustes. Mit der Rückkehr des Lebens kommt eine weitere Sprachebene hinzu, die des Dialektes. In Gauting liest Claudia Klischar längere Passagen aus dem Dialog der Ich-Erzählerin mit dem Fahrer des Holztransporters, einem Niederbayern. „Ich kann nicht gut Dialekt sprechen“, bekennt sie und liest dennoch tapfer weiter. In der Grundschule in Wolfratshausen habe sie Schwierigkeiten mit dem Schriftlichen gehabt, habe stets so geschrieben, wie sie gesprochen habe. Das Korrigieren führte zu einem Schriftdeutsch, das längst zu ihrer gesprochenen Sprache geworden ist. „Ich nehme nur schwer Dialekte an“, sagt sie.

Die Entstehungsgeschichte von „Der eine schläft, der andere wacht“ hat ebenfalls einen autobiographischen Hintergrund. Während eines Stipendiatenaufenthaltes im Schloss Solitude in Stuttgart traf Claudia Klischat auf eine andere Stipendiatin, eine junge Lyrikerin, die während ihres Aufenthaltes innerhalb sehr kurzer Zeit starb. „Das hat damals sehr lange nachgewirkt“, erzählt Claudia Klischat. Ihr Roman ist zu einem eindrucksvollen literarischen Versuch über den Tod geworden und darüber, wie es denen ergeht, die weiterleben. „Man stellt irgendwann fest, dass die anderen zwar auch noch an den Gestorbenen denken, dass sie aber trotzdem irgendwann so weitermachen wie vorher.“ Für die Hinterbliebenen ist es, als blieben sie allein im Raum zurück, versteinert. Claudia Klischat hat die Sache umgedreht, hat die anderen versteinert. So bewegt sich ihre Ich-Erzählerin zwischen Steinen, in einer surrealen, an Salvador Dalis Bilder erinnernden Welt. So lange, bis sie selber eine Spur findet. Ein ungewöhnliches Buch, das nachwirkt auf dem Heimweg durch die Schneekälte.

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Auf Zeit-Online finden Sie eine Videolesung: Claudia Klischat liest aus "Der eine schläft, der andere wacht".

 

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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