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Ich bin alle meine Figuren: Friedrich Ani beim Kulturverein Berg

Mit dem Kulturpublikum am Starnberger See schien es Friedrich Ani nicht besonders gut zu meinen, ebensowenig mit seinem Gastgeber Johano Strasser, der ihn im Rahmen der PEN-Lesungen des Berger Kulturvereins in die Buchhandlung „Schöner Lesen“ nach Berg eingeladen hatte und sich redlich bemühte, mit ihm ins Gespräch zu kommen. „In der Wirklichkeit ist es schwerer, Menschen zu mögen“, bekannte der preisgekrönte Krimiautor irgendwann, aber da war der Abend schon fast vorbei, mit seinen Figuren beim Schreiben falle ihm das leichter.

Es wäre eine schöne Anekdote gewesen, wenn er in Berg von seiner Vergangenheit als Starnberger Lokaljournalist in den achtziger Jahren erzählt hätte. Die hat Ani aber mittlerweile aus seiner Biografie gestrichen. Wer jedoch ein wenig im Archiv stöbert, der findet beispielsweise Konzertkritiken aus seiner Feder, schon damals hatte er eine Vorliebe für drastische Vergleiche. Er habe als „Polizeireporter“ gearbeitet, ließ er sich immerhin entlocken, und auf Strassers Nachfrage „für die Zeitung“.

Aus dem für die Lesung angekündigten, 2012 erschienenen Kriminal-Roman „Süden und das heimliche Leben“ las Ani die ersten Seiten, eine alkoholgeschwängerte Kneipenszene. Über den weiteren Verlauf des Romans verriet er nicht mehr, als dass die „Geschichte dann doch nüchterner weitergeht“. Für seinen Abend in Berg aber hatte er eine Auswahl von Texten zusammengestellt, „die alle von Menschen handeln, die sich einer Zwangslage befinden“. Da war zum Beispiel der Mann, der „jeden Tag komplett durchdrehte“, irgendwann beschloss, Monika Gruber zu stalken und der sich wunderte, dass er sich noch nicht von Perlach bis Milbertshofen erbrochen hatte – all dies ebenfalls unter dem Einfluss von reichlich Alkohol. Einen Herrn im Publikum, der sich vorsichtig nach der Blutalkoholkonzenration des Protagonisten erkundigte, wies der vielfach ausgezeichnete Autor zurecht, er möge doch bitte zuhören und nicht die Biere zählen, die im Verlauf der Geschichte getrunken würden. Drastisch überzeichnet waren auch die beiden anderen Texte, die Ani an diesem Abend vortrug: Gekonnt lallend las er den betrunkenen Polizeibeamtem bei der Fahrzeugkontrolle, dann folgte eine eher satirisch-kabarettistische denn literarische Auflistung bayerischer Justizirrtümer.

„Ich bin alle meine Figuren“, sagte Friedrich Ani einmal in einem Interview, sein Werk sei „eine einzige Autobiografie“. Seine Protagonisten entstammen den Rändern der Gesellschaft, der Autor trifft sie in Münchner Boazn und Stüberln, wo er selbst sein Bier konsumiert. Sein Ermittler Tabor Süden verändere sich und werde älter wie er selbst. Auch wenn an diesem Abend weniger durchaus mehr gewesen wäre: Diese  authentische Innensicht und die daraus resultierende, eben nicht sozialkritisch intendierte Schilderung des Milieus mögen einen wesentlichen Anteil an der Qualität seiner lapidar und zugleich subtil erzählten Krimis haben – und gleichzeitig erklären, warum er zum Liebling des Literaturbetriebs geworden ist.

Über den Autor

Katja Sebald (ks)

Autorin, Journalistin und Übersetzerin, studierte in München Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Bayerische Kirchengeschichte und Italienische Philologie.

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