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Ich kann doch auch nichts dafür: Dieter Hildebrandt im bosco

Das Kabarett ist tot – behauptet das Feuilleton. Einer aber ist diesem leise daherschleichenden Kabarettsensenmann immer wieder von dessen Schüppe gesprungen, nicht zuletzt, indem er ihn eigenhändig oft auf dieselbe genommen hat: Dieter Hildebrandt hat sie alle überlebt. Nur nicht sich selbst, zum Glück, und das hat er heute abend im bosco mit wenigen, so einfachen wie genialen Mitteln bewiesen.

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Eines der genialsten Hildebrandt-Mittel ist der unnachahmliche „Anfang vor dem Anfang“. Keiner beherrscht wie er diese besondere Variante des „Beiseit“-Sprechens, die ein Extempore vor den eigentlichen Textverlauf setzt mit den Worten „Das muss erst noch geklärt werden“. In der beeindruckenden Gleichzeitigkeit von Ritardando und Presto verzögert dieser Künstler den – behaupteten –Programmbeginn, erklärt immer wieder „Gleich fange ich an, aber erst noch …“. Ganze Abende hat er schon auf diese Weise bestritten, gerne vor Lesungen aus seinen Büchern. Heute dauerte der „Anfang vor dem Anfang“ immerhin bis kurz vor der Pause. Erst musste noch geklärt werden, wer von 1999 bis 2005 nun Tour-de-France-Sieger wird - "ein Radfahrer wird es jedenfalls nicht" - und auf welche Weise es einem „außerparlamentarischem Organ“ bei Männern wie Dominique Strauß-Kahn oder Rainer Brüderle gelingt, den Kopf zu verdrängen und die Macht zu übernehmen. Erst musste auch noch geklärt werden, warum immer wieder jene Parteien und Politiker gewählt werden, die es dann tatsächlich werden, „obwohl ich seit 63 Jahren dagegen anwähle“ und wie es einem wie Hildebrandt ergeht, der seit 1949 in Bayern dagegen anwählt und noch nie bei den Siegern war.

Ein anderes, nicht weniger geniales Mittel ist das des bewussten Versprechers, der doch so zufällig klingt und seine scheinbare Zufälligkeit doch nichts anderem als dem Stolperer erst ermöglichenden Sprechtempo verdankt. So wird scheinbar zufällig aus dem Bild des Cliffhangers im politischen Alltag eine Karikatur, in der jemand am Felsen hängt und zu fallen droht, hinein in einen Abgrund „zweihundert Meter unter dem Niveau“.

Und schließlich ist es die unschlagbare Ehrlichkeit dieses Mannes, die er wie eine offene Flanke zeigt und die ihn so wohltuend von all den anderen unterscheidet, die sich lieber hinter Sprachschliff und Spruchschärfe verbergen (die Hildebrandt beide obendrein beherrscht). Ihm aber nimmt man jedes Wort ab, das er sagt, weil er immer authentisch bleibt, immer er selber, der Mann, der „mit meiner Frau Renate“ auf dem Sofa beim Fernsehen wünscht, Formel-Eins-Fahrer mögen alle zehn Minuten aus ihren Rennwagen steigen und – wie Skischießer – schießen, „und zwar aufeinander, dann wären wir diesen Sport los“. Der ohne künstliche Überleitungen dieselbe Haltung einnimmt gegenüber dem, was Politiker auf den Flachbildschirmen dieses Landes von sich geben, immer geräuschvoll im Kreis rasend wie Rennfahrer: „Es müsste ein Phrasen-Flensburg geben, und jeder, der achtzehn Punkte hat, wird mit einer Woche Schweigen bestraft.“

Dieter Hildebrandt kann es, immer noch, immer wieder. Drei Stunden locker, inklusive Zugaben, vom „Renter-Rap“ bis zur Sprachanalyse, und in jedem Moment hält er Kontakt zu seinem Publikum, spürt, wann er „nachlegen“ muss und wann sie ihm aus der Hand fressen. „Ich kann doch auch nichts dafür“, heißt sein aktuelles Programm. Ein Titel, der ebenso eine Gegenwartsbeschreibung ist wie ein Understatement: im Gegensatz zu manchem, der sich hinter dieser scheinbaren Entschuldigung versteckt, kann Hildebrandt viel für das, was er dem Publikum anbietet. Denn dieser Mann besitzt, im wahrsten Sinn des Wortes, Geistesgegenwart.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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