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Immer nur das Eine: Michaela May und Maria Reiter mit dem Bayerischen Dekameron

Mit einem Blick ins offene Hosentürl und unter den gelupften Rock eröffnete Kulturveranstalterin Elisabeth Carr im Auftrag der Stadt Starnberg am Freitagabend den „KunstRaum Schlossberg“: Am Beginn der neuen Veranstaltungsreihe aus „Musik, Literatur und Spiel“ im kleinen Saal der Schlossberghalle stand „Das bayerische Dekameron“ von Oskar Maria Graf, gelesen von der Schauspielerin Michaela May, musikalisch begleitet von der Akkordeonistin Maria Reiter.

Die Bühnenwand war mit roten Rosen geschmückt, auf dem Tisch stand ein Maßkrug mit Zinndeckel, Michaela May trug ein rotes Dirndlmieder und las eine durchaus verwegene Zusammenstellung von Geschichten vor, in denen es immer um das Eine in verschiedenen Variationen ging: Mal wollte er sie vor der Ehe ausprobieren, mal ließ sie ihn von der Schwester ausprobieren. Mal war das begehrte Bett beim Fenstlern schon belegt, mal diente ein Sauohr als Accessoire beim Liebesspiel, ein anderes Mal schauten dreißig Mann von draußen zu. Meist wollte er von ihr nach vollzogenem Akt nichts mehr wissen, aber manchmal war sie am Ende doch die Schlauere. Man muss Michaela May bescheinigen, dass sie einen durchaus unterhaltsamen Ton für die schlüpfrigen, aber im Youporn- und Shades-of-Grey-Zeitalter letztlich doch auch harmlosen Episoden fand. Man hörte ihr wegen ihrem schönen Münchnerisch gerne zu und auch wegen ihrer freundlich-unprätentiösen Ausstrahlung.

Neben ihr aber saß die unvergleichliche Maria Reiter mit ihrem Akkordeon und ließ ernste, schwermütige Klangbilder aus wundersam minimalistischen Melodiegespinsten entstehen. Die gänzlich unsentimentale Musik stellte einen höchst interessanten Kontrast zu den vorgetragenen Texten dar. Nur hier und da ließ blitzte eine kleine Heiterkeit hervor, wie ein winziges Stückerl weißer Spitzenunterrock unter einem Dirndlgwand. Sie improvisierte, setzte große und facettenreiche Potpourris zusammen, schwelgende Tango-Melancholie und leise, ganz leise Volkstümliches, und schließlich gab es auch ein feines gesungenes Duett.

Uneingeschränktes Lob für die Darbietung, dennoch ein Aber: „Der allzuschnelle Ruhm dieses im Handumdrehen verfertigten Büchleins überschattete alle meine späteren ernsthaften Arbeiten“, schrieb Oskar Maria Graf selbst über sein 1928 erschienenes „Bayerischen Dekameron“. Bis heute beschäftigt sich die Literaturwissenschaft nicht mit der Sammlung deftig-frivoler Geschichten, deren Erfolg mit dafür verantwortlich gewesen sein dürfte, dass die Nationalsozialisten Graf zunächst nicht als politischen Schriftsteller wahrgenommen und ihn 1933 bei der Bücherverbrennung vergessen hatten. Mit seinem Aufruf „Verbrennt mich!“ wurde Graf auch international als politischer Autor bekannt. Dennoch wollte man ihn in Deutschland auch noch lange nach dem Krieg mit großer Beharrlichkeit nur als den zwar derben, aber eben doch volkstümlichen Erzähler wahrnehmen – ein fatales Missverständnis, dem Lesungen wie diese leider ein weiteres Mal Vorschub leisten könnten.

Über den Autor

Katja Sebald (ks)

Autorin, Journalistin und Übersetzerin, studierte in München Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Bayerische Kirchengeschichte und Italienische Philologie.

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