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Isolationshaft mit Kontrabass: Süskinds Stück in der Schlossberghalle

Der „Kontrabass“ von Patrick Süskind? Nochmal? Geht das denn?

Das geht. Wenn man die Akzente anders setzt als in den vielbekannten Aufführungen andernorts. Johannes Schmid richtet in seiner Inszenierung, die heute abend mit Stefan Wilkening in der Hauptrolle Premiere in der Starnberger Schlossberghalle feierte, das Augenmerk auf jene Momente, in denen sich das ungeliebte Kind zeigt, das aus purer Verzweiflung mit dem Kontrabass die viel zu große, viel zu kühle – und kaum zu temperierende – Mutter vergewaltigt. Jene Momente, in denen das Innere aufbricht unter dem Kraftgehabe des Kontrabassisten. Kostbare, ehrliche, zarte Momente. Es hätte nicht unbedingt Musikeinspielungen aus dem Irgendwo gebraucht, um diese Momente zu kennzeichnen: Stefan Wilkening gelingt es auch ohne akustische Einfärbung, die Bruchstellen freizulegen und die große Verletzlichkeit unter der kontrabassstarken Lackschicht zu zeigen. Wenn er am Boden kauert, der Aufnahme zuhörend, die er per Schallplatte vorführen will, das Kontrabasskonzert von Carl Ditters von Dittersdorf, und dazu wie ein trauriges Kind Grimassen schneidet, wird so ein Moment deutlich. Wenn er an der Wand lehnt und das verhasste Instrument anschaut wie einen Menschen, der ihm immer nur den Rücken zukehrt, ebenfalls. Oder wenn er sich, langsam sich entfernend, immer wieder überraschend nach dem Instrument umdreht, als sei er sicher, dieses dabei zu ertappen, wie es sich über ihn lustig macht: das sind die Augenblicke des verletzten Kindes, die wie ein Bassklang unter der Inszenierung liegen.

Natürlich wäre Wilkening nicht Wilkening, wenn er die clownesken Elemente unter den Teppich resp. hinter die Schallschutzwand kehren würde. Er gewinnt dem Spiel mit dem und um den Kontrabass so viel Komik ab, wie diese besondere Beziehung eben hergibt. Wenn er um das Instrument herumtänzelt, seine Klänge mal als herannahenden Haifisch, mal als freischwebenden Elefantentanz mimt, dann sieht das irrwitzig aus und erinnert an Karl Valentins Gesten. Trotzdem hält er immer die Balance zwischen Komik und Tragik: dieser einsame Tuttist vom dritten Pult lebt mit seinem unförmigen Instrument die gesamte Tragikomik eines langjährigen Ehegatten, dem am Standesamt aus Versehen die falsche Frau zugeteilt wurde und der nun aus reinem Trotz noch immer mit der längst Verstummten Tisch und Bett teilt.

Einsamkeit. Das ist über dem Bassklang das immer wieder anklingende zentrale Motiv dieser Inszenierung. Das Drama des gescheiterten Künstlers offenbart sich hier im niemals selbst gewählten Turm, der auch nie aus Elfenbein war, sondern so isoliert werden musste, dass nichts hinein- und nichts hinausdrängt. Kerkerhaft, lebenslang. Bühnenbildnerin Isabella Kittnar hat die Zelle zu diesem Urteil gebaut, einen aus Schaumstoffelementen bestehenden schwarzen Würfel, schallisoliert wie ein professionelles Tonstudio. Wie Abzählkreidestriche von Gefangenen stecken Schallplatten in der Schaumstoffwand, Sammelstücke einer abgesonderten Existenz. „Ich habe es mir nicht freiwillig ausgesucht“, betont der Kontrabassist, das Leben mit seinem Instrument meinend, wiederholt. Sein ganzes Leben hat er sich so nicht freiwillig ausgesucht. Als ob das je möglich wäre: die Weichen stellt sich das Leben selber. Und die einen fahren dann bis hoch zum Dirigentenpult, die anderen geraten tief hinein ins Dunkel des Orchestergrabens, dort, wo die Solisten sie selbst von der Rampe aus nicht erkennen. Da braucht es mehr als Mut, von hier aus einmal die Stimme zu erheben und sich einzumischen. Da reichen vier, fünf Flaschen Bier nicht aus, um das zu wagen. Und so wird dieser Kontrabassist weiter an sein Instrument gefesselt bleiben, er wird es nicht loswerden, niemals. Ein spannender, dichter Theaterabend, getragen von einem großartigen Schauspieler: die erste Eigenproduktion des Gautinger Theaterforums ist gelungen!

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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