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Jenseits der Sprache ist Gewalt: Theater an der Ruhr im bosco

„Immer noch Sturm“ von Peter Handke ist ein Theaterstück über die schmerzhafte Suche nach den eigenen Wurzeln und nach dem, was Heimat ausmacht. Ein „Ich“ – Schriftsteller wie der Autor selber und diesem in vielerlei Hinsicht verwandt – begegnet seinen Vorfahren und ihren Erlebnissen während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. „Ich“ begibt sich auf eine Reise in die innere, ererbte Heimat, die sich in den Spuren der ureigenen familiären Herkunft manifestiert. Diese Heimat besteht aus Geschichten, aus Sprache, der deutschen wie der slowenischen. Und an den Rändern dieser Heimat beginnt die Gewalt.

„Jenseits der Sprache bricht die Gewalt los“, sagt Gregor, der Pate, der Verfasser eines Buches über die Apfelsorten im Jaunfeld. Das Jaunfeld liegt im heutigen Kärnten, nahe der slowenischen Grenze. Als Apfelgregor noch jung war, hat er slowenisch gesprochen wie alle in seiner Familie. Nach dem „Anschluss“ Österreichs durch die Nazis haben die neuen Machthaber den Bauern ihre Sprache genommen, es musste deutsch gesprochen werden im ganzen Reich. Mit dem Raub der Sprache hatte es begonnen, hat die Gewalt sich Bahn gebrochen und wie die Nadel eines Tätowierers ihre schwarze Spur durchs Land gezogen. Am Ende sind beide zerstört, tot, die Sprache und die Menschen.

Roberto Ciullis Theater an der Ruhr war schon häufiger zu Gast in Gauting und hat noch immer das Würmtaler Publikum begeistert – so auch diesmal.  So episch, so auf die Langsamkeit des Rückblicks setzend und so wenig circensisch – von der Indianer-Schlussszene abgesehen – war das Mühlheimer Ensemble jedoch selten. Ciulli und seine Schauspieler setzten zu hundert Prozent auf die Kraft der Handkeschen Sprachgewalt (wenn dieses Wort im Zusammenhang mit dem Thema des Stückes erlaubt ist) und fanden für diese Bilder von großer Intensität und Dichte. Gleich das Eröffnungsbild gab den Ton und das Tempo des Abends vor: „Ich“ liegt auf einem weißen eisernen Bettgestell vor einem übergroßen zweiflügeligen Fenster, das von einer Sturmbrise aufgeweht wird und den Blick freigibt auf die dahinter auftauchenden Vorfahren. Die steigen einer nach dem anderen ins Zimmer, nehmen Platz und beginnen damit, aus ihren sie charakterisierenden Erinnerungen ein unsichtbares Netz quer durchs Zimmer zu weben. Und holen den zurückblickenden Ich als Beobachter  in ihre Zeit. In die „Butterfasszeit“, in die „Sonntagsschürzenzeit“. In die Zeit, deren Äpfel Namen tragen wie „Welschbrunner“.

„Immer noch Sturm“ ist ein Redestück, ein Theater gewordener Roman. Ciulli und seinem Ensemble gelingt es, trotz einer gewissen, der Bildkraft geschuldeten Statik die Spannung zu halten, indem sie miteinander einen Sprachboden schaffen, der trägt. Sie überzeugen alle, bieten beeindruckende Ensembleleistung, gestalten die Figuren zu Traumbildern aus Fleisch und Blut. Die Geschichten der Vergangenheit nehmen Gestalt an, schaffen sich Raum. Und das Bett als Zentrum wird, wie das Bett des „Kleinen Häwelmann“, zum Reisegefährt in eine Vergangenheit, die noch immer gegenwärtig ist. Eine Topographie der Narben, des Sprachverlustes in einer Zeit, die aus dem ruhigen Fluss des Alltags einen Sturm der Gewalt machte. Rollen anfangs noch Äpfel auf die Szene, sind es am Ende des Dramas Totenköpfe. Die Ernte wird eingefahren, so oder so.

„Es heißt Bleibe statt Heimat“, übersetzt der Vater, Großvater von „Ich“, die geraubte Sprache in die neue. Und erzählt, dass es ums Bleiben geht, nicht darum, heimzukommen. Der Ich-Erzähler hatte keine Wahl: er ist der Grenzgänger, Kind zwischen Opfer und Täter, zwischen der Sehnsucht nach Liebe und der Selbstbehauptung durch Gewalt. Ihm bleibt nichts anderes übrig als heimzukommen, es zumindest zu versuchen. Immerhin: die Sprache wird ihm zur sperrigen, immer wieder neu zu erwerbenden Heimat. Und die fernen, teil schon toten Paten lädt er sich ein. Zu bleiben. Bei ihm. Auch, wenn immer noch Sturm sein wird.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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