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"Jung und Schön": Analyse eines Geschäftsmodells

Regisseur Francois Ozon hat mit seinem heuer in Cannes gezeigten „Jung & Schön“ keine Lolita 2.0 geschaffen, sondern eine aktuelle Analyse „französischer“ Doppelmoral und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit: Hauptdarstellerin Marine Vacth dürfte damit auf dem Weg zur kühlen Ikone sein.

„Jeune et jolie“, so der Originaltitel, festigt auf jeden Fall Ozons Ruf als „Frauen-Regisseur“: Schon mit „8 Frauen“ und „In ihrem Haus“ kreiste der erklärte Fassbinder-Fan fast ausschließlich um weibliche Persönlichkeitsprofile – und überließ die Männer ihren eigenen Projektionen und Obsessionen. „Jung & Schön“ zeichnet den Weg einer Pariser Gymnasiastin aus der bürgerlichen Mittelschicht nach, die in einer Mischung aus sexueller Neugier und zu wenig Taschen-geld auf die einträgliche Idee kommt, sich zu prostituieren. Bei Mädchen in züchtiger Schuluniform scheinen insbesondere älteren Männern die Säfte in Wallung zu geraten, so dass sich diese kaum 17-jährige Isabelle bald vor „Aufträgen“ kaum retten kann. Dank Laptop und Zweit-Handy gelingt es dem professionell-kühlen Mädchen, ihre neue Betätigung neben der Schule zu managen, ohne dass die Eltern etwas merken: Sie trifft sich mit den Kunden in Hotels, und das erwirtschaftete Geld wird zwischen der Wäsche im Schrank gebunkert.

Ozon ist natürlich nicht bloß ein nüchterner Chronist dieser ebenso alten wie modernen „Geschäftsidee“ – er schaut mit der Kamera in Isabelles Gesicht und auf ihren schönen Körper, begibt sich mitsamt dem Zuschauer ganz bewusst in die Rolle des Voyeurs. Doch anders als beim großen „Weichzeichner“ David Hamilton wird hier das nüchterne Geschäft Sex gegen Geld vorgeführt und nichts verklärt, auch nicht durch romantisierende Musik. Isabelle wahrt die Distanz zu all diesen Männern, auch wenn der eine oder andere vielleicht sympathischer rüberkommt als das Frauen verachtende Gros der Kundschaft.

Französischen Filmen gelingt es, solche Themen ohne große Aufregung und schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger abzuhandeln: Das Leben ist nun mal so, scheint auch „Jeune et jolie“ sagen zu wollen, und Francois Ozon schlägt auch nicht gerade die Hände überm Kopf zusammen, sondern liefert einen beschreibenden Mosaikstein gesellschaftlicher Zustände – zumindest das Bürgertum von Paris bekommt einen Spiegel vorgehalten, der ihm nicht gefallen wird. Ozons Bestandsaufnahme sagt also ganz emotionslos, dass junge Frauen heute noch früher erwachsen werden als ehedem, und dass wir uns darüber nicht beklagen sollten, wenn wir ihnen eine Welt anbieten, in der so gut wie alles nur noch „Geschäft“ ist. Der Film stellt ganz nebenbei auch die Frage, ob eine Familie im modernen Leben tatsächlich noch Nestwärme bedeutet.

"Jung & Schön“ läuft noch bis mindestens 27. November im Breitwand-Kino Seefeld und bis 10. Dezember in Herrsching

 

 

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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