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Literarischer Herbst: Ich sammle, also bin ich

Ein „kulturelles Gedächtnis“ wie den Alles-Sammler Hermann Geiger aus Unterbrunn kann man eigentlich jeder Gemeinde nur wünschen: Auf Geigers Hof gastierte am Samstag sogar der „Literarische Herbst“, der sich diesmal mit der Utopie der Vollständigkeit befasste und Texte zur „Passion des Sammelns“ im Gepäck hatte.

Veranstalter Gerd Holzheimer sagte einleitend über Geiger, es habe „lange Anläufe aus der utopischen Vorstellung heraus gegeben, irgendwann mal etwas gemeinsam zu machen". Jetzt zeigte Geiger also endlich seine Schätze und erklärte seine Sammelleidenschaft; der Weßlinger Schauspieler Peter Weiß, „ein wertvolles Stück in der Sammlung der Sprechkunst“, so Holzheimer, trug dazu Textbeispiele vor, die das Phänomen psychologisch-vergnüglich umkreisten: Von hoher Komik war gleich mal Norbert Göttlers Kurzgeschichte über einen fanatischen Sammler von Barock-Gedicht-Bänden – sein unbedingtes Streben nach Vervollständigung der Sammlung treibt ihn bis zum Verkauf seines Hauses und schließlich in die Klapsmühle. Was den Sammler nicht an-, sondern umtreibt, ist neben den psycho-sexuellen Kindheitsdefiziten (gemäß Sigmund Freud) auch die Frage, was mit den Kostbarkeiten nach dem eigenen Ableben geschehen soll: „Den ganzen Krempel anzünden oder doch in fremde Hände geben?“, so Holzheimer.

Die Psychologie des Sammelns kennt fast zwanzig Varianten, vom „Wertorientierten mit Schnäppchen-Mentalität“ über den nie zufriedenzustellenden „Komplettisten“ bis hin zum Sammler immaterieller Erfahrungen: Der reist zum Beispiel den Rolling Stones hinterher und reiht ein Konzert-Erlebnis mit der Lieblingsband ans nächste.

Gastgeber Hermann Geiger bekannte dagegen Bodenständigkeit als Motiv: „Ich sammle vieles, das einen Zusammenhang mit meinem Umfeld, meiner Heimat hat.“ Ein altes Haus nach dem anderen verschwinde, so Geiger, der in Gauting immer wieder auf die Dachböden vom Abriss bedrohter Gebäude klettert und dort mit einer Taschenlampe bewaffnet längst vergessene Dinge aufstöbert: „Von der Stecknadel bis zum Traktor“, reiche seine Sammelleidenschaft, er sei „so eine Art Arche Noah“ mittlerweile. Und weil er „noch nie nein sagen konnte“, wenn jemand etwas Bewahrenswertes anschleppt, platzt die Scheune seines Hofs längst aus allen Nähten.

Peter Weiß zitierte dazu berühmte Parallel-Beispiele: Der große Romancier Gustave Flaubert hat mit seiner Geschichte „Der Büchernarr“ dem Phänotyp des Sammlers ein eigenes literarisches Denkmal gesetzt, und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk schuf in der Altstadt von Istanbul gar ein ganzes Museum, das sein Werk nacherlebbar macht. Dazu verfasste Pamuk auch ein „Manifest der Museen“ und gelangt zu der Überzeugung, dass „die Geschichte eines ganzen Volkes nicht über die des Einzelnen gestellt werden sollte“. Die Zukunft der Menschen liegt in unseren Wohnungen und Häusern, stellte Pamuk fest – womit er zweifellos ein Seelenverwandter Hermann Geigers ist. Gemeinsames Credo: Ich sammle, also bin ich.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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