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Literarischer Herbst: Spaziergang mit allerlei Utopien

"Kein Ort, nirgends", hatte die Schiftstellerin Christa Wolff einmal einen ihrer Romane betitelt - der Literarische Herbst wählte sich jetzt auf einem nächtlichen Spaziergang durch Starnberg einige symbolische Orte als Entsprechung verschiedener utopischer Entwürfe.

Wenn Utopie auf Wirklichkeit trifft, führt dies zwangsläufig zu Reibungsverlusten. Auch das kühne Unterfangen, beim Literarischen Herbst 2013 dem Leitthema mit einem abendlichen  literarischen Spaziergang durch die Kreisstadt eine Verortung zu geben, blieb trotz stabilen Wetters nicht ganz verschont von der naturgemäß an Grenzen stoßenden Wirklichkeit: „Es ist sehr beachtlich, was da für relativ wenig Geld geboten wird“, sagte der extra aus Tutzing gekommene Helge Haaser anerkennend – da hatte er rund fünf Stunden „Spaziergang“ hinter sich, die an den insgesamt acht Stationen zu kleinen literarisch-musikalischen Pretiosen gestaltet worden waren.

Unter der Federführung von Elisabeth Carr, Gerd Holzheimer und Annette Kienzle vom Kulturamt der Stadt Starnberg lasen die Schauspieler/Sprecher Laura Maire und Stefan Wilkening ausgesuchte Texte, die sich mit den verschiedenen Aspekten des „uk topos“ befassten, des „(noch) nicht Ort Gewordenen“, wie man den griechischen Urbegriff übersetzen könnte. Den Zauber, die Illusion des Möglichen aber erzeugte erst das ergänzende feinfühlige Spiel der Akkordeonistin Maria Reiter – etwa gleich zu Beginn am Dampfersteg, als Passagen aus Gauguins Bericht von seiner ersten Tahiti-Reise vorgetragen wurden und bei sanftem Wellenplätschern der Blick in Richtung „Südsee“ schweifen durfte, wo  der Mond hinter den herbstliche Wolken sein Versteckspiel trieb. Ein zartes „La Paloma“ und Holzheimers Feststellung, das von Starnberg aus nicht sichtbare Seeshaupt sei wegen der Erdkrümmung die erste Utopie des Abends – wunderbar!

Als weitere „Verortungen“ des (Un-)möglichen hatten sich die Organisatoren kurioserweise die Kreissparkasse ausgesucht und hier nicht nur die öffentlich zugängliche Galerie, sondern gar das oberste Stockwerk, zu dem man als Normalsterblicher allenfalls bei großen Kreditanfragen Zutritt haben dürfte – prompt geriet Akkordeon-Spielerin Maria Reiter beim Verlassen des Gebäudes in eine Sicherheitsschleuse und konnte erst mit Hilfe des tapfer mitspazierenden Kreissparkassen-Hausherrn Wolfgang Vogt befreit werden. Aber das Motto des Abends lautete nun mal: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“. Zu Texten von Johano Strasser, Peter Handke und Romano Guardini steuerte Holzheimer prompt die zutreffende Anmerkung bei, die Utopie gehöre zwar zur konkreten Welt, „doch nicht so ganz“.

Mit einer buchstäblich „befreit“ aufspielenden Musikerin ging es anschließend in den „Bayerischen Hof“, wo Maire und Wilkening passenderweise das „Märchen vom Schlaraffenland“ oder T.C. Boyle's Feststellung „Essen ist besser als Sex“ zu Gehör brachten und Reiter zu Speis und Trank ein paar Wiener Kaffeehaus-Skizzen spielte.

Jede der erwanderten literarischen Stationen wurde so zu einer Miniatur aus ineinander greifenden Elementen – mit teils verblüffenden Schauplätzen: Der Sitzungssaal der Schlossberghalle war gar als Analogie zu den politischen Utopien auserkoren, wie man sich als Starnberger wundern durfte: Dort also, wo sich im Alltag die Stadtratsfraktionen die Köpfe heiß reden, lauschte man plötzlich in Anwesenheit des Bürgermeisters Ferdinand Pfaffinger dem Traktat „Von der Pflicht zum zivilen Ungehorsam“ von Henry David Thoreau – wenn das keine Wirklichkeit gewordene Utopie war!

Zum Finale ging's dann noch auf den „Monte Verità“, der auf dem Dach der Schlossberghalle verortet war – nicht etwa in der Aussteiger-Kolonie des frühen 20. Jahrhunderts vom Lago Maggiore, aber immerhin unweit des Finanzamts auf dem Schlossberg, den Einheimische ja durchaus auch als „Berg der Wahrheit“ bezeichnen könnten. Nach Rückkehr zum Ausgangspunkt im Salon des Bahnhofs am See klang der literarische Spaziergang aus – mit einer zarten „Imagine“-Version am Akkordeon sowie großartig vorgetragenen Texten von Eichendorff, Kleist, Hebel, Bloch und Goethe: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen . . . ?“ Wenigstens davon träumen durfte man an diesem gelungenen literarischen Herbst-Abend.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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