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Papier.Krieg in Feldafing

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts in einer Stunde: Auf Einladung des Kunst- und Museumsvereins Feldafing war der Schauspieler Jörg Baesecke am Freitagabend  mit seinem Stück „Papier.Krieg“ zu Gast in der Gemeindebücherei. „Papier.Krieg“ ist ein minimalistisches Koffertheaterstück, ein Spiel mit Papierbildern, Assoziationen und Erinnerungen.

Jörg Braesecke ist zugleich Autor, Akteur und Protagonist des Stücks, denn es handelt von seiner eigenen Kindheit in einer kriegszerstörten Stadt inmitten von kriegstraumatisierten Erwachsenen. Braesecke erzählt aber auch von dem Stück selbst, er stellt die Bühnen- und Zuschauersituation immer wieder in Frage, auch das Theaterstück, das er gerade aufführt.

Ausgangspunkt für die Erzählung sind Bildpaare wie bei einem Memory, außerdem einige kleine Pop-Up-Bühnen mit scherenschnittartigen Figuren und wenige, aber umso symbolträchtigere Erinnerungsstücke. Der hölzerne Löffel, den der Vater aus der Kriegsgefangenschaft mitbrachte, Briefe, Inflationsgeld. Aber auch Redensarten und Andeutungen, Anekdoten aus der „schlechten Zeit“. Wie ein Kind, das nach und nach die Welt der Erwachsenen begreift, das irgendwann beginnt, die Andeutungen und das Schweigen zu verstehen, und hinter den Trümmern der zerbombten Stadt die Trümmer der zerbombten Seelen entdeckt, so versteht hier der Zuschauer immer mehr und mehr, wenn sich die Erzählung im Lauf von sechzig Minuten verdichtet, immer eindringlicher wird, bis sie beinahe schmerzlich nahe kommt. Braesecke, der den Nachlass seiner Mutter sichtete und vieles erst „als Waisenkind mit 55 Jahren“ verstand, als er den Parteiausweis des Vaters fand und das in Packpapier eingebundene und hinter der Goethe-Gesamtausgabe versteckte „Mein Kampf“, legt die Granatensplitter, die Blindgänger und zugeschütteten Bombentrichter in der Geschichte einer ganz normalen deutschen Familie frei. Es geht ihm nicht um Schuld, es geht um das kollektive Trauma, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Braesecke erzählt offensichtlich autobiografisch, die poetische und assoziatiative Erzählweise schafft einerseits Distanz, lässt aber gleichzeitig den Zuschauern viel Raum für ihre eigenen Erinnerungen. „Papier.Krieg“, so die Idee des Stücks, könnte „einen Anstoß zum Gespräch zwischen den Generationen geben“. In Feldafing hätte man sich deshalb mehr jüngere Zuschauer gewünscht.

Über den Autor

Katja Sebald (ks)

Autorin, Journalistin und Übersetzerin, studierte in München Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur, Bayerische Kirchengeschichte und Italienische Philologie.

Kommentare

Das ist leider wahr. Die –biographiebedingt gefühlte– Notwendigkeit, sich von der vorherigen Generation und ihrer Geschichte abgrenzen zu wollen kommt ja auch im Stück selbst zur Sprache. Ein Veranstaltungsformat, das mehrere Generationen anzieht und anspricht, wäre da schon ein Kunstwerk für sich.
Immerhin arbeite ich nach mehreren Nachfragen an einer Papier.Krieg-Fassung, mit der ich ab 2013 in Schulen gehe. Wo dann aber wieder die andere Generation fehlt. Und trotzdem mag es dazu beitragen, die Schweigepause zu verkürzen: Wenn die Fragen erst mit 55 Jahren auftauchen, ist es leider oft zu spät.
Und hinter den älteren, die z.B. jetzt gekommen sind, steht ja noch eine weitere Generation. Ich stimme Ihnen sehr zu, wenn Sie von der Weitergabe eines kollektiven Traumas schreiben. Ich habe die schöne Hoffnung, dass sich diese Weitergabe unterbrechen lässt, indem man Bewusstsein schafft. Dazu will Papier.Krieg einen kleinen Beitrag leisten.
Vielen Dank für Ihren genauen Bericht!
J.Baesecke

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