Liebe Besucher der Kulturwelle5,

leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir unser Kulturportal für das Starnberger Fünfseeland nach dreieinhalb spannenden Jahren einstellen.

Falls Sie einen Blick auf die Ereignisse der Jahre 2012 bis Anfang 2015 werfen möchten,
klicken Sie hier.

Wir wünschen allen Kulturveranstaltern und Kulturinteressierten viel Erfolg und alles Gute,
das Team der Kulturwelle5

So bar uns Geld helfe

Die gute Nachricht zuerst: Gauting hat den Stresstest bestanden, Gauting darf weitermachen. Dass es noch vor Ende des Tests zu einer Kündigungswelle kam und nahezu das gesamte Testpersonal über die Klinge springen musste, hat zwar als schlechte Nachricht zu gelten, doch zu guter Letzt durften dann auch Schwester Hedwig, Doktor Mabuse und die anderen weitermachen. Da wäre vermutlich sogar die Bildzeitung zufrieden.

„Stresstest Deutschland“, heißt das aktuelle Programm von Arnulf Rating, mit dem der Kabarettist heute abend im Bosco gastierte. Es war klassisches Rollenkabarett, verpackt in einer Rahmenhandlung, die dann im zweiten Teil des Abends ein wenig in den Hintergrund trat, dafür bis zur Pause Dramenqualität entwickelte. Die Geschichte: ein kauziger Landarzt erhält dank seiner gut vernetzten Sprechstundenhilfe, einer Schwester vom alten Schlag, den Auftrag, für die Bertelsmann-Stiftung einen deutschlandweiten Stresstest durchzuführen; dazu wird ihm eigens ein Stresstest-Mobil samt Fahrer zur Verfügung gestellt, und auch die tatkräftige Schwester Hedwig reist mit durchs Land. Leider lässt der Fahrer an einem der Einsatzorte das für den Stresstext benötigte Trainingsrad stehen. Das wäre nicht weiter aufgefallen, hätte sich nicht ausgerechnet für die Station Gauting ein Controller der Stiftung angesagt. Nun müssen, wie es Controller eben gelernt haben, Köpfe rollen. Und als Ersatz für den windigen Arzt stellt der Controller einen Demonstranten ein, der seine eloquent vorgetragene Kritik an der Bertelsmann-Stiftung nach Nennung seines zu erwartenden Einstiegsgehaltes sofort ändert.

Arnulf Rating schlüpft im Laufe des ersten Teils in sämtliche Rollen, und „schlüpfen“ ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: aus der Schürze der Schwester Hedwig heraus streift er sich den Kittel des Doktor Mabuse über, und als Projektleiter Rating zieht er diesen wieder aus, um dann mit der Brille des Arztes in der Hand in einen Dialog zwischen Projektleiter und durchführendem Arzt zu steigen. Mit dem Kittel und der Rolle ändert sich auch die Sprechweise, und bis in die Mimik hinein wird Rating jedes Mal ein anderer. Dabei hat jede der am Stresstest beteiligten Figuren einen spitzen Kommentar zum politischen Geschehen parat. Ob es um den Erfolg der Piratenpartei geht und die Frage, warum man erst Piraten am Horn von Afrika jagt und sie dann ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen lässt, oder ob die jüngsten Ereignisse rund um das Amt des Bundespräsidenten in den Fokus der kritischen Beobachtung gerät – „Ich würde empfehlen, im Schloss Bellevue eine Drehtür einzubauen“ -, diese Figuren unterziehen das gesamte politische Geschehen in Deutschland einem Stresstest. Am Ende steht dann der Eid des Ökonomen: „Ich schwöre, am deutschen Volk zu verdienen, so bar mir Geld helfe.“

Nach der Pause verlässt Rating, nachdem die zuvor Entlassenen sich wieder in das Stresstestprojekt zurückgefuchst haben, die Rahmenhandlung und zelebriert einmal mehr – in gewohnt temporeicher Weise und gespickt mit aktuellen Schlagzeilen – seine Bildzeitungsnummer, in der sich aneinandergereihte Schlagzeilen zu einem realsatirischen Bravourstück steigern. Dabei setzt er noch mehr als im ersten Teil auf Tempo und führt die ausgewählten Schlagzeilen auf eine Weise eng, dass sich fast der Eindruck einschleicht, die Titelmacher des Boulevardblattes müssen eingeschleuste Kabarettisten sein. Eigene knappe Formeln wie „Wulfen statt Riestern“ ergänzen den Schlagzeilenkanon und gipfeln in der Beobachtung, dass Friedel (Springer), Liz (Mohn) und Angie (Merkel) eigentlich die „wahren No Angels“ sein müssen, so wie sie die Fäden im Lande ziehen. Ein anfangs gut durchkomponierter Kabarettabend, der zwar zwischendurch mit bereits Bewährtem auffüllt, aber insgesamt doch seine Schärfe und Beobachtung politischer Gegenwart bewahrt.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA

Captcha-Sicherheitsfrage gegen Spam-Mail (kommt leider immer wieder vor) Bitte vervollständigen Sie folgende Rechnung: