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Wohin gehst du, Jochen Schanotta?

„Jochen, wohin willst du gehen?“ Mehrstimmig, immer wieder, von allen Seiten: da will einer weg, will entkommen. Einer, dem der Platz im Getriebe schon bereitet ist. Einer, für dessen Träume schon die Grube geschaufelt wurde, in der er sie zu begraben hat. Einer wie Jochen Schanotta.

Der hatte auch einen Traum: nicht mitmarschieren müssen, nicht eine festgelegte Handbewegung und sonst nichts weiter machen müssen. Dem „von Draht umwickelten Land“ entkommen und dort ankommen, wo nicht schon jemand etwas vorbereitet hat für ihn. Wo er den ersten Fußabdruck macht. Doch das Land ist zu klein, die Grenzen sind zu eng, immer wieder stößt er sich den Kopf daran blutig. Und so marschiert er doch am Ende mit, wie es alle von ihm erwarten, und so, wie man es für ihn vorgesehen hat, stimmt er mit ein in den Gesang, den sie alle auf den Lippen führen: Das Leben ist schön. So schön.

„Jochen Schanotta“ von Georg Seidel ist – ursprünglich - die Geschichte eines 18-jährigen Schülers, der sich auflehnt gegen die Erwartungen, die seine Mutter, seine Lehrer und die ihn umgebende Welt der DDR an ihn stellt. Der Dramatiker Georg Seidel – neben Heiner Müller und Volker Braun einer der wichtigsten Schriftsteller der DDR – erzählt in seinem in den Achtzigern entstandenen Drama die Geschichte eines jungen Menschen, dem es nicht gelingt, seine Vorstellung vom Leben, seine persönliche Freiheit gegen die uniformierte, im Gleichtakt funktionierende Gesellschaft durchzusetzen. Regisseur Frank Abt legt gemeinsam mit den sechs Schauspielern des Deutschen Theaters Berlin in einer entschlackten, zugespitzten Fassung des Dramas dessen Essenzen frei und entwickelt eine vom Kontext losgelöste Parabel auf den uralten Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft. Dieser Jochen Schanotta, von Andreas Döhler wie ein fast altersloser Rebell gespielt, könnte ebenso gut ein Occupy-Aktivist sein wie ein moderner Räuber Kneißl: eben einer, der aufbegehrt gegen die herrschenden, sinnentleerten Normen. In dem Mädchen Klette - das Kathleen Morgeneyer als zunächst wie ein Rädchen im Getriebe funktionierende, dann mehr und mehr sich individualisierende und vor allem seinen Gefühlen folgende junge Frau entwickelt – begegnet Jochen der ihm bis dahin unbekannten Herausforderung der Empfindung. Hier muss er sich selbst neu erfinden, während die anderen Figuren eben jene Eckpfeiler darstellen, zwischen denen die Grenzen des Möglichen hochgezogen werden. Folgerichtig spielen Natali Seelig, Daniel Hoevels, Thomas Schumacher und Simon Brusis keine individuell gestalteten Personen mehr, sondern „Ideen“: die festhaltende Mutter, der tolerant-repressive Lehrer, die eingelullten Freunde und Kollegen, den utilitaristischen Arzt.

Bewusst steht die Sprache Georg Seidels, seine literarische Phantasie selber mit auf der Bühne. Zu Beginn tragen die Schauspieler den Titel des Stückes in Großbuchstaben auf die Bühne, heften ihn im Hintergrund an den Rückvorhang. Immer wieder klingt die Sprechart bewusst nach Zitat, nach Re-Zitation: hier wird ein Schriftsteller vorgestellt, der mehr zu sagen hat als einen Kommentar zu einem Staat, den es seit über zwanzig Jahren nicht mehr gibt. So freigelegt, schwebt Jochen Schanotta zwischen „Woyzeck“ und „Kleiner Mann, was nun“, zwischen dem Traum vom Leben und dem Alptraum Alltag. Und auch, wenn der Verzicht auf Psychologisierung der Figuren nicht immer durchgehalten werden kann (zum Glück), so ist dieses Schachspiel doch ein gewagtes und letztlich geglücktes Unternehmen. Georg Seidel wird nicht vergessen werden.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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