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Zu Gast bei den Dichtern Zürichs: eine "Kopfreise" mit Gerd Holzheimer

Jedes Buch ist ein Vehikel, jede Lektüre eine Reise im Kopf. In der Gautinger bar rosso im bosco nahm der Kopfreiseleiter Gerd Holzheimer am Dienstagabend die anwesende Reisegruppe mit nach Zürich, nach Prag die zweite Station seiner Geopoetik der Städte. Er streifte gemeinsam mit ihnen durch die Altstadt, über den Rindermarkt zum Wirtshaustisch, in dem noch Gottfried Kellers Initialen in die Tischplatte geritzt sind, und die Spiegelgasse hinunter, um bei den Dadaisten anzuklopfen, bei Robert Walser, bei Georg Büchner und bei James Joyce.

Jede Stadt hat ihr eigenes Thema. Das der Stadt Zürich ist, so offenbart es der literarische Stadtplan, „Identität“. Die Frage nach dem Woher und dem Wohin des Individuums beschäftigte schon den vielreisenden Goethe, der auch in Zürich Station gemacht hat. Es ist ein Thema, das Gottfried Keller ebenso beschäftigt und mit dem er seinen „Grünen Heinrich“ beginnen lässt. So richtig in Frage gestellt wird die Suche nach der eigenen Identität in Zürich aber erstmals durch die Dadaisten, die hier als Gruppe gegründet wurden. Dada kann man kaum lesen, man muss diese Manifeste hören. Schauspielerin Belle Schupp, die gemeinsam mit Gerd Holzheimer diese Kopfreise gestaltete, schlüpfte in die Gedichte von Hugo Ball und Kurt Schwitters, ließ DADA verlautbar werden und himmelte „Anna Blume“ dadagemäß an. So eindrucksvoll und authentisch war ihr Dada-Auftritt, dass Gerd Holzheimer feststellen musste: „Das bosco liegt an der Spiegelgasse.“

Identität also. Dass sie nicht in den Schoß fällt, darauf haben die Dadaisten mit viel Sprachwitz hingewiesen. Wieviel Schmerz das Ringen um die Identität birgt, zeigt die eher traurige Geschichte des Zürcher Schriftstellers Robert Walser, der einen Großteil seines Lebens, vor allem am Ende, in der Psychiatrie zubrachte. Er sei in dieser Klinik gewesen, erzählt Holzheimer, er habe die Frau getroffen, die den armen Robert Walser gefunden hat, nachdem er bei einem Winterspaziergang tot zusammengebrochen und in den Schnee gesunken war. Auf winzige Papierchen hatte Robert Walser seine Texte geschrieben, auf die Rückseite eines Eisenbahnbillets beispielsweise. „Wir wussten gar nicht, dass der Herr Walser ein Dichter war“, hatte man in der Klinik gesagt. Ein Leben zwischen den Identitäten, aufgerieben im Kampf darum, wenigstens eine leben zu können. Franz Kafka, der Stadtführer der letzten Kopfreise-Etappe, Prag, hatte sehr viel gehalten von Robert Walser und dessen Geschichten.

Ein anderer, der in Zürich Identitäten auseinanderpflückte und neu zusammensetzte, war der Ire James Joyce. Um den Anfang seines „Ulysses“ standesgemäß auf Irisch lesen zu können, hatte Belle Schupp eigens einen Muttersprachler aufgesucht, der ihr dann beschied, wenn Joyce diesen Roman hätte auf Irisch schreiben wollen, er dies gewiss getan hätte; tatsächlich sei das Buch in waschechtem Englisch. Und das trug Belle Schupp dann vor, very fine, very british, very Joyce. Ähnlich sprachgewaltig, stilistisch jedoch in einer ganz anderen Identität zuhause ist Thomas Mann, Züricher auf Zeit auch er. Sein „Felix Krull“ ist das Roman gewordene Spiel mit dem Identitätswechsel. Und am Ende dann der wohl Größte unter den Modernen, der Türöffner der Moderne überhaupt, Jubilar des kommenden Jahres: Georg Büchner. Hier, in dieser Stadt, hat er noch seine Antrittsvorlesung in der Medizinischen Fakultät gehalten, „Über die Schädelnerven“. Den ersten gesicheren Lebensunterhalt, die Stelle am Lehrstuhl für Medizin, hat der junge Dichter nicht mehr erlebt, er starb viel zu früh mit 33 Jahren, in seinem schmalen Werk aber hatte er alles gesagt, vom „Woyzeck“ über „Dantons Tod“ und „Leonce und Lena“ bis zur Fragment gebliebenen Novelle über den in die Schizophrenie getriebenen Dichter Lenz. Mit Georg Büchner verabschiedeten sich der Geo-Poet und die Geo-Akteurin von ihren Mitreisenden. Und wieder ist ein Fähnchen auf der literarischen Landkarte gesteckt.

 

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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