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Auf Umwegen zum Schriftsteller-Dasein: Tanja und Gregor Weber

Gastgeberin Sabine Zaplin musste diesmal kaum moderieren, denn ihre beiden Schriftsteller-Kollegen Tanja und Gregor Weber plauderten derart frisch von der Leber weg, dass 90 Minuten "Zum Tee bei Sabine" im Gautinger Bosco wie im Fluge vergingen - es wurde ganz nebenbei eine unterhaltsame Bestandsaufnahme zu den Existenzbedingungen heutiger Freiberufler.

Kennengelernt hatten sich die beiden Webers 1994, als Tanja Dramaturgin am Theater Hildesheim war und Gregor für ein Engagement als Schauspieler vorsprach - er wählte damals einen schweren Monolog aus "Peer Gynt", und Tanja fand ihn "ganz süß". Es habe "großer Bedarf an jungen Männern" geherrscht, berichtet Tanja Weber rückblickend (Gregor: "Genau wie im Krieg") - und meinte damit selbstverständlich: Bedarf an männlichen Ensemble-Schauspielern. Gregor Weber jedenfalls bekam die Rolle und fand mit Tanja zugleich die Frau seines Lebens - das Paar hat mittlerweile zwei Kinder und lebt seit 2009 in Gauting.

Als Tee-Gastgeberin Sabine Zaplin fragt, wie Gregor Weber "vor Hildesheim" denn privat so situiert war, sagt der formvollendet: "An ein Vorher kann ich mich offiziell nicht mehr erinnern, und ein Nachher wird es nicht geben." Da haben sich offenbar Zwei gefunden, deren Weg zum heutigen "Schriftstellerpaar" nicht unbedingt so vorgezeichnet war: "Wie ich damals erst mal zur Schauspielerei gekommen bin? Oh Gott, viel Pech gehabt natürlich", sagt Gregor mit Galgenhumor. Eigentlich habe er ja mal Archäologe werden wollen, "so Indiana-Jones-mäßig", aber dafür hätte man ein langwieriges Studium auf sich nehmen müssen. Als Kapitän zur See fahren, Journalist, Germanistik-Studium seien weitere Flausen gewesen - bis er auf dem Uni-Campus "einen aus der Theatergruppe" getroffen habe - "Künstler werden, das war's, zumal ich wusste, da stehen auch die Frauen drauf!"

Von da an ging's zumindest erst mal in Richtung Theater. Frankfurt am Main, Hildesheim, später Berlin, Darmstadt. Ab "Hildesheim" hatte das auch mit seiner späteren Frau Tanja etwas zu tun, denn die wechselte bald ans ganz große Hauptstadttheater: "Heiner Müller, Robert Wilson, David Byrne - ein Traum!", erinnert sich Tanja Weber, "das war 'ne Offenbarung für mich." Sie hatte schon nebenbei zu ihrem Studium der Theaterwissenschaften immer am Theater gearbeitet, u.a. in Bochum und Wuppertal. Unterbezahlte Verträge auf Zeit mit jeder Menge Überstunden bis zum Burnout. "Doch in dem Moment, da man einen festen Job sucht, bleiben einem die großen Theater verschlossen", lautet ihre bittere Erfahrung. Als Dramaturgin hatte sie "alles zu machen", auch die Sonntagsmatinee mit 600 Zuschauern: "Der Lappen muss immer hoch gehen", beschreibt sie das ungeschriebene Gesetz am Theater, wonach der Vorhang (Lappen) niemals unten bleibt, auch wenn die Akteure wegen der ständig neuen Inszenierungen schon auf dem Zahnfleisch daher kommen. "Als wir irgendwann Familie wollten, war klar: Theater geht nicht mehr", stellte Tanja fest.

Gregor schaltet sich an dieser Stelle wieder ins Tee-Gespräch ein: "Es ist schon ein Knochenjob, ein körperlich extrem anstrengender Beruf und noch dazu gefährlich - der grassierende Alkoholismus bei den Bühnentechnikern habe zum Beispiel schon zu bizarren Unfällen geführt. Überlappende Inszenierungen mit ständigen Proben, ein gnadenloser Besetzungsplan, Änderungspläne bei Erkrankungswellen unter den Schauspielern: Da wurde einer gerade auf der Bühne erschossen und kam gleich darauf in einer anderen Rolle wieder rein, erinnert sich Gregor Weber: "Das war für mich so'n Punkt, wo ich mir sagte: Ich möchte das nicht", fasst er zur Erheiterung der Zuhörerschaft trocken zusammen. Niemanden habe es interessiert, wo die Bedürfnisse und Begabungen des einzelnen Schauspielers liegen - der wurde einfach nicht gefragt, so Gregor. Wurde ein Engagement nicht verlängert, habe man dem betreffenden Schauspieler sogar "noch eine Woche abgezogen" von seiner offiziellen Zeit am Theater, damit der in der jeweiligen Stadt keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld erwirbt.

Das Fernsehen "rettete" Gregor Weber dann, zumindest vorübergehend, aus diesem modernen Sklaventum: "Die Küstenwache", eine an der Ostsee spielende Polizei-Serie. Sie bedeutete allerdings, dass Gregor häufig abwesend war von der mittlerweile in Berlin wohnenden Frau und den Kindern. Eine britische TV-Serie über die deutsche Besatzungszeit in Frankreich sollte bald hinzukommen: Eine durchgehende Rolle als "Gefreiter Otto", angelegt auf 20 Folgen zu 90 Minuten. Der Durchbruch? Leider nein - der vorgesehene Hauptdarsteller, ein Engländer, starb an Krebs, das Serien-Projekt war ebenfalls bald gestorben. "Dieses ewige Am-Tropf-Hängen beim Fernsehen", sagt Tanja über die damit einhergehende materielle Unsicherheit, "die wochenlangen Castings, das Hängen in der Warteschleife - darauf kann man kein Haus bauen, keine Familie gründen." Sie selbst hatte inzwischen dem Theater den Rücken gekehrt und schrieb Drehbücher und Konzepte für TV-Serien wie "Streit um Drei" oder später "Verliebt in Berlin" oder "Türkisch für Anfänger" - auch hier war sie stets abhängig von Quoten und den Launen der Programmverantwortlichen. Serien werden immer wieder überraschend eingestellt, und "ein festes Einkommen ist da schon toll", wenn man denn eines hat, stellt Gregor Weber fest - mit einer "Festanstellung" sei dies freilich nicht zu verwechseln: Auch mit seiner Rolle als "Tatort"-Ermittler des Saarländischen Rundfunks war es eines Tages vorbei - Unregelmäßigkeiten bei der Produktionsfirma, vielleicht auch eine jener plötzlichen Verjüngungswellen beim Fernsehen? Gregor Weber wäre eigentlich "im besten Kommissar-Alter" gewesen. Man ließ ihn gegen einen Kollegen zum Vorsprechen antreten: "Ich musste um mein Leben spielen!", sagt Gregor, doch es wurde diesmal nichts mehr.

Die für eine kleine Familie unzumutbare finanzielle Unsicherheit führte bei ihm dazu, dass sich der äußerst vielseitige Weber auf seine anderen Qualitäten besann: Er machte eine Kochlehre in einem Drei-Sterne-Restaurant, bestand die finale IHK-Prüfung - und schrieb sein erstes Buch mit dem einem Kollegenzitat entlehnten Titel: "Kochen ist Krieg". Dies sei nicht nur "das bislang beste Werk aus dem Hause Weber", sagt seine Frau Tanja anerkennend. Dieser Erfolg ebnete Gregor auch den Weg zum Schriftstellerberuf, zumal ihn die Gleichung "Schauspieler plus ausgebildeter Koch = Koch-Show" wirklich nicht reizte. Und während Tanja mit ihrem Erstling "Sommersaat" ihrerseits immer besser Tritt fasste als Schriftstellerin und es mit weiteren Büchern inzwischen mehrfach auf die Bestsellerliste des "Spiegel" schaffte, verarbeitete Gregor Weber bald eine dritte Facette seines wechselvollen Daseins zu zwei Büchern - nach "Feindberührung", seinem zweiten Buch, findet vor allem das dritte aktuell starke Beachtung: "Krieg ist nur vorne Scheiße (hinten geht's)" basiert auf Webers Erfahrungen als Reservist der Bundeswehr in Afghanistan. Damals ging er für einige Zeit tatsächlich als Presseoffizier mit einer Fallschirmspringer-Einheit an den Hindukusch - diese auch für die Familie nicht ganz einfache Zeit, auch die zu stellende Sinn- und Legitimationsfrage, hat er unterhaltsam verarbeitet.

"Meine Lektorin hat mich bei Ablieferung des Manuskripts gefragt, ob ich das auch selber geschrieben habe", berichtet Gregor Weber freimütig. Ehefrau und "Kollegin" Tanja hatte gegengelesen, mehr nicht. Tanja sagt über ihren eigenen Weg zur Buchautorin: "Ich hätte mich selbst nicht ans literarische Schreiben gewagt, war damals mit dem Schreiben fürs Fernsehen ganz zufrieden." Als sie zum Schreiben "ohne Fernsehen" gefunden hatte, galt dieser Grundsatz weiterhin: "Ich kann es mir einfach nicht leisten, mir zwei Jahre Zeit für ein literarisches Buch zu nehmen", sagt sie. Momentan beträgt ihre Produktionsstrecke vier Bücher in zwei Jahren, ihr selbst verordnetes Pensum fünf Seiten pro Tag. Ohne diese auch an ständig steigende Verlagserwartungen angepasste Form schriftstellerischer Praxis "wäre es nicht möglich, sich das Leben hier zu leisten", weiß Tanja Weber. Eine verkaufte Auflage von 50.000 Exemplaren werde mindestens erwartet, dazu noch Selbstvermarktung bis hin zu Facebook. "Dabei möchte ich als Schriftstellerin außer bei Lesungen gar nicht in Erscheinung treten - meine Bücher sollen doch sprechen", sagt Tanja Weber.

Womit das Tee-Gespräch in Gauting angekommen ist, wo Tanja 2011 den ausgelobten Literaturpreis gewann - nicht nur deshalb fühlt sich die in Planegg aufgewachsene und nach 23 Jahren aus dem "Exil" zurückgekehrte gebürtige Berlinerin rundum wohl: "Die Leute sind, anders als in der Großstadt, hungrig auf Literatur." Gauting, lässt Tanja Weber ohne Anbiederung einfließen, sei zwar ein teures Pflaster, aber kulturell höchst fruchtbares Gebiet. Gregor, der Saarbrückener, widerspricht diesmal nicht.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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