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Zeit der Kannibalen: Wenn die Dritte Welt ins Hotel kommt

Kammerspielartig führt Regisseur Johannes Naber mit seinem Film „Zeit der Kannibalen“ den Untergang des Kapitalismus vor: Drei Unternehmensberater sitzen in einem Hotel im nigerianischen Lagos und glauben, der Planet gehöre ihnen – doch das Elend der Welt holt sie ein.

Öllers und Niederländer heißen die beiden aalglatten Consulting Manager, die mitten in Westafrika einem Inder klar zu machen versuchen, warum sie die Produktion ausgerechnet nach Pakistan verlagern wollen: Es geht mal wieder um Profit-Maximierung und nichts anderes, serviert in blumiger Management-Sülze. Öllers (Devid Striesow) und Niederländer (Sebastian Blomberg) sind ein Team, auf die Welt los gelassen von einem Konzern, der irgendwo in Deutschland zu sitzen scheint und selbst bald von einem noch größeren Konzern geschluckt werden wird. Das Duo agiert bis auf gelegentliche Emails und Video-Konferenzen anscheinend vollkommen entkoppelt – von Zuhause, von der Familie, von jeglichen zivilisatorischen oder gar ethischen Spielregeln: Land und Leute interessieren nicht, bestenfalls als Profit-Objekt. Keiner von beiden verlässt auch nur einmal das Hotel, wozu auch? Man hat ausreichend Alkohol in der Mini-Bar, es gibt Roomservice und notfalls schwarze Zimmermädchen als Lustobjekt. Lagos ist nur als staubgraue Wolkenkratzer-Silhouette hinter den (nicht zu öffnenden) Hotelfenstern zu erahnen. Öllers und Niederländer geben derweil sich ihren Aufstiegs- und Profit-Fantasien hin, pflegen ihren Zynismus. Öllers telefoniert ab und an mit seiner Frau, zumeist schreiend, es scheint eine kaputte Ehe zu sein.

In dieser Situation taucht Bianca März (Katharina Schüttler) auf, als vermeintlicher Ersatz für einen bereits erwarteten Kollegen Hellinger. Doch wie sich bald herausstellt, hat der sich umgebracht und Bianca wurde nur dazu entsandt, unter den beiden anderen den geeigneten Nachfolger zu ermitteln. Man belauert und umkreist einander, voller Misstrauen. Das neue Spiel zu Dritt heißt „Jeder gegen jeden“ – bis bedrohliche Nachrichten von außen in die Hotel-Suite dringen: Ihre Firma wurde geschluckt, das Management ausgewechselt. Zeit der Kannibalen: Später wird es noch schlimmere News geben...


Drehbuchautor Stefan Weigl hat die Grundkonstellation dieses Lehrstücks wunderbar, geradezu „theatermäßig“, verdichtet: Die ganze Hybris der sogenannten „ersten Welt“ gegenüber der „dritten“ – hier wird sie gebündelt. In Niederländers cholerischen Herrenmenschen-Anfällen gegenüber dem Hotel-Personal, in Öllers frauenfeindlichem Chauvinismus. Nur Bianca scheint so etwas wie ein Rest-Gewissen zu haben, doch auch sie trägt Business-Anzug und beherrscht die Klaviatur eiskalter Berechnung. Die auf Abstand gehaltene Welt „da draußen“ aber, sie wird denen, die sie gewinnträchtig unter sich aufteilen wollen, bald auf den Pelz rücken. Die Einschläge kommen näher, die Zeichen des kapitalistischen Untergangs werden unüberhörbar.

Was zu Beginn des (ausschließlich in einem Kölner Studio gedrehten) Films ein wenig textlastig wirkt und nach „wenig Budget“ schmeckt, erweist sich bei Johannes Naber letztlich als überzeugendes Konzept, das dank der gut verdichteten Dialoge und der auf hohem Niveau agierenden Schauspieler auf allzu viel Action verzichten kann. „Zeit der Kannibalen“ ist ein fulminanter Kommentar zum Stand der Dinge, kurz bevor uns alles um die Ohren fliegt – unbedingt ansehen!

     
„Zeit der Kannibalen“ läuft bis 1. Juni im Breitwand-Kino Seefeld.

 

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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