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FSFF: Edgar Reitz und die Folgen einer Mieterhöhung

„In dem Moment, in dem man anfängt, zurückzublicken, ist die Jugend vorbei“, sagt Lulu. Lulu, Jahrgang 1968, aufgewachsen in München, kehrt zurück in das Dorf Schabbach im Hunsrück, um die Spuren ihrer Herkunft zu suchen. Was sie findet, sind Fragmente, Bruchstücke wie der Schieferbruch im Wald, Filmschnipsel, mehrere Schichten aus der Familienchronik der Simons. „Heimat – Fragmente. Die Frauen“, heißt der experimentelle Film von Edgar Reitz, den dieser am Sonntagmorgen in Starnberg präsentierte.

Ein Film mit einer Entstehungsgeschichte, die ihn bestimmte: als im Jahr 2004 das Haus in der Münchner Agnesstraße, in dem Edgar Reitz sein Büro hatte, von Bernd Eichinger gekauft wurde, erhöhte dieser die Mieten, und Reitz, der sich das Büro nun nicht mehr leisten konnte, musste ausziehen. Naturgemäß hatte sich in den dreißig Jahren, in denen er hier gearbeitet hatte, sehr sehr viel angesammelt, nicht nur in den Büroräumen, sondern auch im Keller. Tausende von Filmrollen verstaubten dort auf den Regalen, nicht verwendetes, aussortiertes Material, das nun in eigens bestellte Container wanderte. „Ich sah diese viele Arbeit in den Containern verschwinden“, erzählt Reitz, „und dann entdecke ich auf einer der Filmbüchsen einen Aufkleber mit der Aufschrift „Schöne nicht verwendete Szenen“. Sofort machte ich mich auf die Suche nach diesem Vermerk und fand noch dreißig, vierzig weitere solcher Blechbüchsen.“ Im Team begutachtete der Regisseur das Material, und alle waren stumm vor Staunen angesichts des Schatzes, den sie da gehoben hatten. „Solche Dinge passieren durch Mieterhöhungen“, sagte Reitz.

Es stellte sich heraus, dass Reitz' Cutterin das Material bereits in Eigeninitiative zu kleinen, etwa zehn Minuten langen Szenen montiert hatte. Sie basierten auf dem, was am Set jenseits des Drehbuches der „Heimat“-Filmserie in der Zusammenarbeit zwischen Edgar Reitz und den Schauspielern an Zusätzlichem, Improvisiertem, spontan Hinzuentwickeltem entstanden war. Und als sich der Plan einer vierten „Heimat“-Staffel nicht realisieren ließ, begann Reitz, die Szenen zusammenzusetzen, einen eigenen, sehr experimentellen Film daraus zu machen. Er ließ Lulu, Hermanns Tochter, die Architektin geworden war, zum Bindeglied der Fragmente werden, indem er sie mit der Jahrtausendwende auf die Suche nach ihrer Herkunft schickte. Die Schauspielerin Nicole Schössler spielt Lulu, die Schichten freilegt, Schichten der Familiengeschichte und Schichten in sich selbst. Vor allem die Frauengestalten der Familie Simon prägen diese Ge-Schichten, sie scheinen sich alle in Lulu versteckt zu haben. Am Ende werden die vielen kleinen Vergangenheitsmomente zu filmischer Fiktion, in die Lulu selber eintaucht, aus der sie auftaucht. „Heimat – Fragmente. Die Frauen“ ist ein Film über die Frage, was Wirklichkeit ist und wieviel Wirklichkeit der Film stiftet.

„Ich glaube, dass das Kino unsterblich ist“, sagt der weise und selbst längst Filmgeschichte gewordene Edgar Reitz nach der Vorstellung. „Ich glaube, dass das Kino unsterblich ist. Das geschieht in dem Moment, wenn der Zuschauer sich im Film selbst wahrnimmt. Und das geht nicht mit dem Fernseher, schon gar nicht mit dem Smartphone und all den anderen auf Geschwindigkeit ausgerichteten Geräten. Das geht nur in dem geschützten Raum, wenn die Türen zu sind, das Licht ausgeht und man für zwei Stunden ganz bei sich ist.“ Es lebe das Kino!

 

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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