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Helfen als Flucht: Kristof Magnusson liest aus seinem "Arztroman"

Anita Cornelius ist Notärztin. Sie liebt die Arbeit in der Rettungszentrale, die klar geregelte Abfolge nach dem Eingang eines Notrufes, das ihr zur Verfügung stehende Wissen im Notfall. Im Gegensatz zum Berufsalltag steht sie im Privatleben Notsituationen gegenüber oft hilflos gegenüber. „Arztroman“, lautet der ebenso profane wie raffinierte Titel des neuen Romans von Kristof Magnusson, den dieser am Montagabend in der Buchhandlung Kirchheim vorstellte.

„Warum schreibe ich so ein Buch?“ nahm Kristof Magnusson gleich zu Beginn eine wohl häufig auf Lesungen gestellte Frage vorweg – schließlich ist der Alltag von Ärzten in der Regel eher ein Thema von TV-Serien oder Groschenromanen. Doch Magnusson, der schon als Kind lieber mit Feuerwehrautos gespielt hat und sich zu einer gewissen „Blaulicht-Faszination“ bekennt, hat im Freundeskreis erlebt, wie aus Medizinstudenten Ärzte wurde und aus Ärzten Menschen, die auf besondere Weise Gegenwartsgesellschaft erleben. Vor etwa vier Jahren hat der Schriftsteller begonnen, all diese Geschichten, die er von diesen Freunden erfuhr, einmal aufzuschreiben. So entstand die Geschichte von Anita Cornelius, deren Ex-Mann ebenfalls Arzt ist, deren Sohn beim Ex-Mann und dessen neuer Freundin lebt und die sich eigentlich vorgenommen hatte, ihrer Arbeit als Notärztin ein zurückgezogenes, kontemplatives Privatleben entgegenzusetzen. Doch dann wacht sie eines Morgens neben Rio auf, einem Bootsbauer.

„Vielleicht fand er sich ja auch deswegen ohne Probleme zurecht, weil er das jede Woche bei einer anderen Frau tat und sich die Küchen von alleinstehenden Frauen glichen. Weil das, was sie im „Stilwerk“ und bei „Habitat“ für individuelle Einrichtungsentscheidungen gehalten hatte, von allen Frauen in ihrem Alter in fast identischer Weise  gekauft und dann an ähnlichen Orten platziert wurde. Plötzlich fühlte sie sich einer Gruppe zugehörig, einer Kohorte von Frauen, die es noch einmal wissen wollten. Und sie fühlte sich weder besonders schlecht noch besonders frei, sondern auf ganz und gar unausstehliche Weise normal.“

Eine weibliche Hauptfigur zu wählen, stand für den Schriftsteller schon ziemlich zu Beginn der Arbeit am „Arztroman“ fest. Dabei war es weniger das in der Regel den Frauen zugeschriebene „Helfersyndrom“, das ihn zu dieser Entscheidung bewog. „Viele Gedanken, die diese Notärztin hat, habe ich auch, zum Beispiel den Wunsch, Probleme nicht einfach zu akzeptieren, sondern sie anzugehen, zu überlegen: was mache ich jetzt damit?“ Es hat ihn vielmehr gereizt, nicht einen weiteren männlichen Helden zu schaffen, sondern eine vielschichtige Frauenfigur. Und dabei ist ihm eine durchaus beispielhafte Figur gelungen für ein gegenwärtiges weibliches Verhaltensmuster: eine handelnde, aktive, gut ausgebildete Frau, die der sie umgebenden Gesellschaft mit Konzepten zu begegnen versucht – während der männliche Gegenpart in diesem Roman, vielleicht ebenso beispielhaft, Schwierigkeiten eher ausblendet. Anitas Klinik wird gerade renoviert, die Damentoilette ist daher geschlossen, so dass in dieser Zeit die Notdurft nicht gegendert werden kann.

„Sie betrat die Männertoilette. Eine der Kabinen war belegt, in die andere schloss sie sich ein. Sie hatte sich gerade hingesetzt – und Anita wird wohl nie mit Sicherheit sagen können, warum, ob es die Erschütterung war, die sie durch das Schließen der Kabine hervorgerufen hatte, oder ob sie die Trennwand zwischen den beiden Kabinen berührt hatte -, auf jeden Fall rutschte in dem Moment, in dem sie sich setzte, unter der Kabinentrennwand ein blasser Arm hindurch.“
In der Kabine nebenan hat sich ihr Ex-Mann, Arzt wie sie, mit eine Narkosemittel zugedröhnt. Auf der medizinischen Ebene weiß Anita, was nun zu tun ist, kann helfen – auf der menschlichen Seite ist sie ebenso überfordert wie der Mann, der zu jenen Mitteln greift, mit denen Ärzte im Notfall einem Hilfsimpuls folgen.

Kristof Magnussons „Arztroman“, erschienen im Kunstmann-Verlag, ist ein sehr kluges und ebenso witziges Buch – ein Beweis dafür, dass „Witz“ und „Verstand“ nicht nur wortgeschichtlich betrachtet, nahe Verwandte sind.

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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