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Zwischen den Stühlen: Kabarett mit Venske und Sting im bosco

Der Verteilungskampf unter den Generationen kreist um den Stuhl. Wer sitzen darf und wer das durchstehen muss, entscheidet stets jener Augenblick, in dem es den einen hochreißt und den anderen niederwirft. „Gegensätze“, heißt das gemeinsame Programm von Henning Venske (Jahrgang 1939) und Kai Magnus Sting (Jahrgang 1978). Es ist ein Dialog zwischen Großvater und Enkel, eher ein Dramolette als Kabarett, doch Kabarett nach der Jahrtausendwende kann und muss neue Wege gehen, um den bedenkenswerten Themen der Gegenwart angemessen begegnen zu können.

Der demographische Wandel ist eines der wichtigsten Themen der Gegenwart, das Stichwort „Alterspyramide“ hat durch den Geburtenrückgang eine neue Bedeutung erlangt und ist in bildlicher Hinsicht komplett auf den Kopf gestellt worden. Ein Dialog zwischen dem durch '68 sozialisierten Großvater und dem durch Facebook geprägten Enkel kann dem klassischen Thema „Generationenkonflikt“ einiges an Dramatik abgewinnen, könnte sich im Gesellschaftsdrama einer Yasmina Reza bis hin zu Tätlichkeiten hochschaukeln (so war auch hier durchaus einmal von Zyankali die Rede und davon, dass in diesem Zusammenhang das bürokratische Wort „Entfernungspauschale“ eine ganz neue Bedeutung gewinnt). Es könnte sich auch zu einem sprachlichen Pingpong entwickeln, in dem die verschiedenen Sprachen der verschiedenen Generationen zu nicht kompatiblen Kommunikationsgebilden werden, die sich gegenseitig verschlingen (und auch davon war durchaus hier und da etwas vorhanden an diesem Abend).

Doch „Gegensätze“ geht einen anderen Weg. Das Programm verlässt die Pfade des klassischen Nummernkabaretts, um dann aber doch nicht konsequent einer neuen Dramaturgie zu folgen. Diese ist angelegt in dem Motiv des Stuhls: der Enkel besucht den Großvater in der „Seniorenresidenz“ in der Absicht, ein versprochenes Erbe anzutreten und den in Aussicht gestellten Stuhl zur Einrichtung der Studentenbude nun abzuholen. „Ich steh das durch“, verkündet nach zähem Kampf der Großvater und überlässt den Stuhl dem Enkel. Im zweiten Teil besucht nun der Großvater den Enkel im Studentenwohnheim, um sich den Stuhl zurückzuholen. Nun muss der Enkel das Objekt verteidigen, muss es besetzen und springt doch immer wieder hoch, lässt sich provozieren, herausfordern, bis er am Ende selber bekennt: „Ich stehe das durch.“

Es hätte eine „Reise nach Jerusalem“ werden können, mit nur einem Stuhl und dem Tanz der Generationen um denselben herum. Doch die durchaus  stellenweise höchst geschliffenen Dialoge haben an anderer Stelle wiederum durchaus Längen, wirken manchmal, als befinde sich das Programm noch in der Erprobungsphase – dabei lief es bereits hier im Haus vor anderthalb Jahren schon einmal. Die beiden Kontrahenten sind nicht wirklich konträr im Umgang miteinander. Dabei ist Venske in der Gestaltung seiner Rolle sehr überzeugend. Es fehlt ihm bei Sting der Gegenpart auf Augenhöhe. Aber das funktioniert vielleicht nicht, wenn stets einer nach Kräften den Stuhl besetzt und eben darum zum andere aufschauen muss.

Immer wieder jedoch blitzt etwas auf. Wenn der Großvater süffisant darauf hinweist, dass die Alten die Mehrheit besitzen und dem Enkel Korrumpierbarkeit vorwirft, was dieser geschickt kontert mit dem Hinweis, Korruption sei Netzwerk – dann ist das explosiv komisch. Oder wenn beide miteinander in höchster Zynismus-Kunst die Vision einer Kindheit entwerfen, vom ABC-Schützen bis zum Kindersoldaten, dann ist das großes Kabarett. In Zeiten, in denen die Banken alle Türen vertrauensvoll offenstehen lassen und gleichzeitig ihre Kugelschreiber anketten, gibt es viel durchzustehen. Und das gilt für Großväter wie Enkel gleichermaßen.

www.venske.de/programme/gegensatze
 

Über den Autor

Sabine Zaplin (sz)

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