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Unterbrunns Dorf-Gedächtnis: Der Alles-Sammler Hermann Geiger

Am Anfang dieser "Teestunde bei Sabine" im Gautinger Bosco steht ein Teebeutel-Tausch: Gastgeberin Sabine Zaplin nimmt lieber den für Grünen Tee, Tee-Gast Hermann Geiger den mit Kräutern. Dann kann es losgehen mit der Unterbrunner und Gautinger Geschichte und vor allem mit den Geschichten, die Geiger in knapp vier Jahrzehnten aufgesammelt und zu erzählen hat – schon wie es zu dieser seiner Rolle als wandelndes Dorf-Gedächtnis gekommen ist, ist eine Geschichte für sich: "Mit 18 Jahren bin ich bei der Freiwilligen Feuerwehr zum Schriftführer gewählt worden", erinnert sich Geiger, "und heute bin ich's immer noch." Er sei immer sehr wissbegierig gewesen und deshalb sei er inzwischen "halt in allen Vereinen Schriftführer". Heiterkeit im Publikum, halb Gauting und zwei ehemalige Bürgermeister sind gekommen, um sich solche trockenen Bemerkungen auf typisch Geiger'sche Art anzuhören.

Es ist ein bisschen so wie früher bei Luis Trenker, wenn der erzählte, wie er es wieder mal gerade noch ins Tal geschafft hatte: Hermann Geiger, der Sammler von Bildern, Gegenständen, Erinnerungen, der Mann mit dem Gespür und dem untrüglichen Blick fürs Erhaltenswerte, der sagt: "Man kriegt unheimlich viel Wissen zusammen, wenn man von den Vorgängern die ganzen Unterlagen bekommt." Der Mann, der im Brotberuf Garten- und Landschaftsbauer ist und auch deshalb in seinem unmittelbaren Lebensraum viel mitkriegt. Der ein Auge darauf hat, wenn ein altes Haus abgerissen, ein Hof aufgegeben wird. Geiger spürt es geradezu körperlich, wenn ein Stück Heimat verloren zu gehen droht, wenn die Zeitläufte etwas für immer vernichten könnten. Dann geht er hin, spricht die Leute an, dokumentiert mit Fotos und Kamera, lässt Augenzeugen zu Wort kommen, ehe sie vielleicht für immer verstummen. Er ist für diese vollkommen selbstlose Chronisten-Tätigkeit längst Gautinger Kulturpreisträger geworden, doch es geht ihm nicht um Ehren, es geht ihm ums Sammeln. Darum, es für die Menschen aufzuheben, um ihnen zu zeigen, was sonst verschütt zu gehen droht: "Ich sammel ja nicht, dass ich's versteck. sondern dass ma 's oschaugt, dass i's herzoag", sagt er beim Gespräch. Drei große Scheunen auf dem Geiger-Hof hat er mittlerweile voll mit seinen heimatlichen Fundsachen, "nur das Wohnhaus ist tabu".

Angefangen hatte die ganze Sammelei irgendwann vor rund 25 Jahren, gemeinsam mit seinem Bruder, mit Oldtimer-Traktoren. Dann kamen immer mehr ausgediente Gerätschaften und bäuerliche Haushaltsgegenstände hinzu, und "auf oamoi will ma ois ham", schildert Geiger den Weg zu dem, was er inzwischen "eine Art Arche Noah" nennt: Die Leute kommen inzwischen von selbst zu ihm, fragen, ob er nicht etwas gebrauchen könne für seine Sammlung, weil sie es sonst wegschmeißen würden oder nicht wüssten, wohin damit. "Ich liebe mehr die Bilder und Gegenstände und mag mich auch nicht zu Tode lesen", bekennt er seine Neigung zum konkreten Objekt. Wenn er zum Beispiel gerade darüber nachdenkt, 2015 eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg und der Unterbrunner Geschichte dazu zu bestücken, dann wird es weniger um historische Abhandlungen gehen als vielmehr um Fotografien aus jener Zeit: Fotos von Soldaten aus Unterbrunn, die einrücken mussten. Sterbe-Bildchen von denen, die gefallen sind. 49 Höfe hat sein Dorf, und bei jedem hat Hermann Geiger nach den alten "Buidln" nachgefragt – er weiß heute, dass zwischen 1914 und 1918 von 300 Einwohnern 60 ihr Leben ließen.

Zum "Tee bei Sabine" hat er statt einer Tasse also alte Fotografien mitgebracht, die auch ein Stück Gautinger Geschichte zu erzählen haben. Von Gebäuden, die nicht mehr stehen. Von Gegenständen aus diesen Gebäuden, Unschätzbare Fundsachen wie das alte Büchlein des Schuhmachermeisters Rieger aus den Jahren 1931 bis 1939: Daraus ist zu erfahren, wer wann welche Schuhe zum Richten gebracht hatte, für 70 Pfennig pro Auftrag oder 11,50 Reichsmark, wenn es mehrere waren. Sogar den eigenen Familiennamen hat der Hermann Geiger in dieser Fibel entdeckt und sich narrisch darüber gefreut (korrekt bezahlt waren die Schuhe offenbar). Man könnte zuweilen fast meinen, nicht der Geiger findet die Dinge, sondern umgekehrt: Aus einem Bauschutt-Container rettet er ein halbes Kasperltheater, denn "oft san d'Leut z'faul, sich zu kümmern, und des ärgert mi"; bei anderer Gelegenheit entdeckt er eine originale "Robinson Crusoe"-Ausgabe von 1916, die der Maler Richard Seewald illustriert hatte. Man bot Geiger an, das wertvolle Buch bei einer Auktion zu Geld zu machen. Das Staatsarchiv bot nicht mal Geld, offerierte aber eine Sachspendenquittung, und die Buchheim-Sammlung tat so, als kenne sie Seewald gar nicht – Geiger lehnte alles ab, um's Geld ging es ihm noch nie bei der ganzen Sammelei. Manchmal verleiht er sogar was, etwa wenn Anfragen für Requisiten oder Ausstellungen kommen.

Wie es mit der Fortsetzung seines Werks samt "Galerie im Geiger-Hof" stehe, fragt Gastgeberin Zaplin, was die Familie so zu seiner heimatkundlichen "Glentleiten im Mini-Format" meine? Die werde das alles schon irgendwie fortführen, ist der Hermann zuversichtlich. Man kann ihn zur Geschichte der alten Unterbrunner Kapelle befragen, zur untergegangenen Haerlin'schen Papierfabrik. Geiger weiß, dass das heutige Grill-Areal früher mal "Moser-Grund" hieß – von dort hat er sogar einen alten Strohsack mitgebracht. Würden sich die Gautinger daran machen, das alte "Geier-Häusl" vor dem Verfall zu retten und als Zeugnis einer vergangenen Zeit zu bewahren – er wäre mit dabei. Von sich selber als Sammelwütigem weiß er aber vor allem zwei Dinge: "Ich bin für alles offen" – und: "Mich kann man nimmer stoppen!" Großer Applaus vom Tee-Publikum. Sie lieben ihren Sammler, denn er hilft ihnen, ein Stück der eigenen Erinnerungen zu retten.

Über den Autor

Thomas Lochte (tlo)

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