Ateliertage in Tutzing

 Jetzt also auch Tutzing. Nach Ost- und Westufer, Reismühle und ehemaligem Warnamt im Kerschlacher Forst, ziehen nun die Tutzinger Künstler nach und veranstalten zusammen mit dem FORUM TutzingKultur auf Initiative von Julia Reich und Helge Haaser am Wochenende vom 14./15. Juli zum ersten Mal Ateliertage.

Acht Künstler/Innen und Kunsthandwerker stellen sich jeweils von 11 bis 19 Uhr vor und geben „ihren“ Ateliertagen mit einem Begleitprogramm gleich eine besondere Note.  So wird Sigrid Wever ihre „Arbeit am Tonfeld“ vorstellen, eine von Professor Heinz Deuser vor vierzig Jahren entwickelte therapeutische Methode, bei der der Tastsinn (man nimmt mit den Händen Kontakt zu einem knetbaren Tonfeld auf) zu tief greifenden Selbsterfahrungen führt (jeweils um 15.30 Uhr).
Auch Brigitta Wrana, einst Theatergruppenleiterin im Tutzinger Gymnasium sorgt für Überraschungen und zeigt am Samstag um 17.00 Uhr im Pförtnerhaus des Tutzinger Gewebezentrums (TGZ) ihre Performance „Schneckentango“, in dem ein Gartenpacksack, drei Regenwürmer und eine Pistole die Hauptrolle spielen. Und dann konnte noch Julia Reich den Münchner Künstler Karl Imhof und sein Sprechtheaterensemble dafür gewinnen, ein eigens für dieses Event geschriebenes Stück aus der Feder Karl Imhofs vorzustellen. Der überregional anerkannte Künstler arbeitet neben seiner Malerei auch mit Klangteppichen und Sprechchören. Vorstellung ist am Sonntag um 17 Uhr im Atelier von Julia Reich. Das Sprechstück heißt „Tropfkörper“.


Matthias Bischoff, Primelweg 7, Kampberg
Er bringt Steine zum Leuchten und sagt, dass man sie anfassen muss, um sie zu begreifen. Seit 2006 arbeitet er daran, Steine optisch zum Schweben zu bringen, indem er sie halbiert, aufbricht, die Bruchstellen und manchmal auch das Innere mit Blattgold vergoldet und die beiden Steinhälften wieder bis auf einen kleinen Spalt zusammensetzt. Der optische Effekt ist beeindruckend. Wie ein glühendes Band zieht sich der Leuchtstreifen um den Stein, dessen Oberfläche meist unbehandelt bleibt. Meist ist es ein mit Sorgfalt ausgewählter formschöner Granit oder Marmor, mit dem er arbeitet. „Gold und Licht sind das Vehikel zur Verdeutlichung der Schwebe“ sagt der gebürtige Heidelberger, der seine Ausbildung in seiner Heimatstadt erhielt und auch klassische Skulpturen, Reliefs, Brunnen und figürliche Darstellungen kreiert. Die Leuchtobjekte können sowohl im Freien als auch als Wohnaccessoire genutzt werden.

Christa Dickmann, Martelsgraben 1, Tutzing
Die gebürtige Münchnerin modelliert „mit leichten und dennoch bestimmtem Pinselstrich“  Menschen „wie monumentale Skulpturen“, schrieb Frei Oliv in dieser Zeitung. Die akademische Künstlerin, die an der Münchner Akademie ihre Ausbildung erhielt, malt, zeichnet, macht Radierungen und arbeitet mit Textilien. Immer steht der Mensch im Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit, mit seinen Eigenwilligkeiten und Besonderheiten, seine Prägung durch unsere Zeit und die gesellschaftlichen Normen. Körperkult, das Posieren, der gesteigerte Drang, den eigenen Körper als Gegenstand der Gestaltung zu verstehen, dies alles bringt die Malerin in lebensgroßen Bildern auf die Leinwand, indem sie sich „auf eine kompakte Hülle“, „auf die Gesamterscheinung“ konzentriert. Die Farbgebung gibt den Bildern etwas Zeitloses, auch anonym Großstädtisches, wodurch diese Menschen zu Prototypen werden. „Klare Menschenbilder werden zu Schemen, Schatten, Imagination und verweisen somit auf eine ganz andere Ebene der Erfassung von Figur“.

Karlheinz Fuchs, Von-Hillern-Weg 14, Tutzing
„Bilder entstehen im Dialog. Nach dem ersten Farbauftrag reagiert das Bild, stellt Fragen und gibt Impulse“. So kann das „fertige Bild“ völlig abweichen von der ursprünglichen Absicht. Für den Naturwissenschaftler und ehemaligen Siemens-Manager, den späten Pholosophiestudenten – er begann nach seiner Rente nochmal ein Studium – , ist Malerei „Experiment und Ausdruck von Freiheit“ zugleich.  Seit 1990 gab er seinem künstlerischen Drang nach und begann zunächst mit Aquarellmalerei, besuchte dann diverse Malkurse von Ruth Kohler und findet nun in seinen abstrahierten, manchmal auch gegenständlichen Bildern, die auf der Bildfläche zu einem Ganzen zusammenwachsen, trotz kräftiger und intensiver Farbgebung den Dialog, der Widersprüche in Spannung und Harmonie vereint. Erst wenn er Gegensätzliches in eine Symbiose bringt, zu einem harmonischen Ganzen verbinden kann, ist er mit einem Bild zufrieden. Dass „Scheitern ein Teil des Prozesses“ ist, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit.

Inea Gukema-Augstein, Altes Forsthaus 12, zwischen Tutzing und Kampberg
Sie ist eine Wegbereiterin der feministischen Bewegung, Mitbegründerin des 1974 gegründeten Verlags „Frauenoffensive“, Fotografin und Objektkünstlerin. Angeregt durch ihre Reisen zu Tempelanlagen auf Malta und Gozo, zu den Steinlandschaften von England und zu den Höhlen der Ile-de-France, setzte sie sich intensiv mit der Kunst der Steinzeitmenschen, den Göttinnen und Priesterinnen dieser Frühkultur und deren Symbolik auseinander. Die Poesie ihrer verwendeten Zeichen, Zeichnungen und Ornamentik  bezeichnet sie als ihre „Kunstschule“. So fand die Künstlerin über die Dokumentar- Fotografie zu ihrer ureigenen Ausdrucksform. Zunächst waren es Objektkästen mit dick eingespachtelten Gipsschichten, in die sie archaisch anmutende Zeichen und Formen einritzte. Mit der Zeit entwickelten sich daraus dreidimensionale Objekte, die sich auf die ältesten Formen kreativen Ausdrucks beziehen. Sie berühren den heutigen Betrachter in ihrer tiefen Bedeutungsebene, die bis in die Tiefe unserer Menschheitsgeschichte zurückreicht.

Oliver Lopschat, Beiselestraße 7, Tutzing
Hier kann man einem Möbelrestaurator über die Schulter schauen, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und der seine Arbeit durch zahlreiche „Vorher-Nachher“-Bilder dokumentiert. Seit drei Jahren arbeitet er in Tutzing antike Möbel aller Stilrichtungen auf. Dabei legt er Wert darauf, das Mobiliar in seinem gealterten Zustand zu erhalten, so dass die plastische Patina, Einkerbungen durch Kratzer etwa, bleibt. Dafür verwendet er unter anderem für Ausbesserungen jeweils Holz aus der Entstehungszeit des Möbels, so dass es schon mal vorkommen kann, dass der Kunde drei Jahre warten muss, bis der Restaurator entsprechendes Material gefunden hat. Das Credo des Kunsthandwerkers ist, dass nur eine zurückhaltende Oberflächenbehandlung die Möbel „von innen heraus erstrahlen lässt“. Ein Hingucker der Ateliertage wird ein Reisestehpult und ein französischer Spieltisch aus dem 18. Jahrhundert sein, noch unrestauriert.

Julia Reich, Bahnhofstraße 9 (Pförtnerhaus des TGZ), Tutzing
Die derzeitige Stadtmalerin der Stadt Starnberg hat eigentlich Geschichte und Politikwissenschaft studiert, arbeitet aber schon lange als freischaffende Künstlerin. Sie macht Linolschnitte und Holzdrucke, malt und fotografiert. Ihrer erste Ausstellung hatte sie 1997. Sie beschäftigt sich gerade mit der Spurensuche nach der Vergangenheit des im Abriss befindlichen Roche-Areals, die sie mit Fotos dokumentiert. So hat sie die Holzscheiben gefällter Bäume, darunter eine Jahrhunderte alte Linde mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter, direkt als Druckstock verwendet, um die Wunden, die die Kettensäge und der Mensch in die Natur schlägt, unmittelbar durch Sichbarmachen der Moorsägespuren spürbar zu machen. In Abrisshäusern suchte sie nach Gegenständen, die die Geschichte des Ortes, der Gemeinde oder der Menschen, die hier gelebt haben, dokumentieren. So fand sie in einem Haus hinter der Post an der Bahnhofstraße ein alten Fotoband von 1901 mit Reisebildern von Venedig, den sie nun künstlerisch in Linolschnitte umsetzte.

Sigrid Wever, Primelweg 7, Kampberg
Die akademische Malerin (sie studierte an der Kunstakademie in Düsseldorf) lebt seit 1979 in Tutzing und ist seit ihrem Studium an der Münchner Akademie im Fach „Bildnerisches Gestalten und Therapie“ auch als freiberufliche Kunsttherapeutin tätig, unter anderem mit der „Arbeit am Tonfeld“. Sie entwickelt ihre Arbeiten in Bilderzyklen und oft jangjährigen Arbeitsperioden an einem Thema. In den vergangenen Jahren hat sie sich von der ihrer gestischen Malerei verabschiedet und hat nun, nach schwarz-weißen, roten und blauen Bilderserien, seit 2005 zunehmend zur monochromen Malerei gefunden. Sie lotet in zum Teil großformatigen BIldern die unmittelbare Ausstrahlung einer Farbe aus, die sie durch vielschichtige Farbaufträge zum Schwingen bringt. „Farbe lässt sich so entwickeln, dass Klang reinkommt, den man beim genauen HInsehen wahrnehmen kann“. Manchmal erreicht sie den gewünschten Effekt durch „gepolsterte“ Bilder, die die unmittelbare Ausstrahlung steigern. Immer noch ist es ihre Lieblingsfarbe Rot mit ihren Schattierungen, die sie magisch anzieht. In den monochromen Arbeiten geht es immer darum, die optimale Strahlkraft, Intensität oder Räumlichkeit einer Farbe herauszuarbeiten und der Bildfläche Leben zu verleihen.

Brigitta Wrana, Bahnhofstraße 9, (Pförtnerhaus TGZ), Tutzing
Die ehemalige Lehrerin und Theatergruppenleiterin am Tutzinger Gymnasium ist äußerst kreativ und von ungeheurem, fast ungezügeltem Temperament. Sie malt kraftvolle, stotzende, üppige und äußerst farbenfrohe Bilder, taucht in die Tiefe Welt der Ozeane ein, malt paradiesische Afrikabilder mit Wildkatzen und Kamelen, fängt ägyptische Impressionen ein oder auch einfach ihren Garten mit Hauskatze. Grelle Farbgebung, wilde Assoziationen bei der Motivwahl – ein Drunter und Drüber bunter Motive – alles scheint grenzenlos, schreit nach Leben und erzählt von viel Temperament und Lebensfreude. Dazu passend wird es auch eine Performance der Künstlerin geben. Nur soviel sei verraten – es fallen Schüsse und irgendwie spielen Schnecken die Hauptrolle in diesem Kriminalfall.

Die Ateliertage in Tutzing und Kampberg finden am kommenden Wochenende, den 14./15. Juli jeweils von 11- 19 Uhr statt. Der Veranstalter weist darauf hin, dass die Bahnhofsunterführung an der Lindemannstraße immer noch gesperrt ist. Die Ateliers in Kampberg sind über den P&R-Parkplatz oder über Unterzeismering zu erreichen.

(Dieser Artikel erschien auch im Starnberger Merkur)

Über den Autor

Astrid Amelungse-Kurth

Astrid Amelungse-Kurth (aak)

freie Journalistin mit Schwerpunkt Kunst, Kultur, Historisches, Tradition und Vermischtes

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