Es geht um alles. Um die Zukunft der Kinder, um den Machtmissbrauch einer Lehrerin, um Elternängste und Paarzwistigkeiten. Kurz: es geht um den Übertritt auf das Gymnasium. Drei Mütter und zwei Väter steigen auf der Bühne der Schlossberghalle in den Ring, der Gegner ist klar: „Frau Müller muss weg“.
Lutz Hübners Übertritts-Groteske in der (Uraufführungs-)Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden kommt mit einem Thema zu Besuch ins Theaterforum, das die Gemüter in seiner Alltagsform rasch erhitzt.
Der Journalist Gerhard Matzig schreibt im April in der SZ über den Übertritt: „Traum und Alptraum zugleich. Das ist der verdammte Übertritt, der das „Über“ aus „Überlegensein“ in sich trägt – wie auch den „Tritt“, den man erhält, wenn man es nicht packt. (…) Der Übertritt ist hierzulande – im Ausleseland, im Gesiebtwerdenreich – eine Art Armageddon, eine endzeitliche Entscheidungsschlacht zwischen Gut und Böse, zwischen guten und schlechten Schülern, zwischen guten Gymnasiasten und dem Rest.“
Im Theaterstück von Erfolgsautor Lutz Hübner („Das Herz eines Boxers“) stehen die ganz großen Gefühle und die ganz tiefen Abgründe zur Disposition: da geht es um traurige kleine Mädchen, die den Ansprüchen ihrer Lehrerin nicht gerecht zu werden scheinen und die eigentlich doch eher Opfer der Unausgelastetheit ihrer Eltern sind; da geht es um Eltern, die ihre Kinder nicht mehr erreichen und um Kinder, die ihren Eltern misstrauen; es geht um Entwurzeltsein und um Minderwertigkeitsgefühle, um Bessserwessis und Jammerossis und um eine Überzeugung, hinter der am Ende doch ein Fragezeichen steht: Frau Müller muss weg.
Lutz Hübner hat seine Geschichte um Eltern, die an den Biographien ihrer Kinder basteln und um eine Lehrerin, die ihre Macht nicht anzweifeln lassen will, in das bunte Glitzerpapier einer komödiantischen Farce gepackt. Insbesondere die Figur der Lehrerin gerät dabei durch eine starke Verknappung und Überspitzung ihrer charakteristischen Merkmale in die Nähe der Satire. Ihr gegenüber stehen fünf durchaus psychologisch fein gezeichnete Elternrollen: die selbstbewusste Berufstätige, die sensible Alleinerziehende, der hyperaktive Arbeitslose, die engagierte zugezogene Hausfrau und ihr pragmatischer Fast-Alpha-Mann. Alle fünf Elterncharaktere könnten in ihrer genauen Zeichnung samt Tiefgang und Überraschungsmomenten aus einer der Gesellschaftssatiren von Yasmina Reza stammen. Einzig Frau Müller bekommt zu wenig an Authentizität und zu viel an Klischee mit – das ist vom Kräfteverhältnis nicht fair und nimmt dem Stück von seiner ansonsten in den Elterndialogen überzeugenden Intensität.
Rosa Enskat macht aus der Vorlage das Bestmögliche in grandiosen Sinne und gestaltet die Rolle der Lehrerin mit einigen kleinen Ticks und Macken zu einer fast valentinesken Parodie. Diese Klassenlehrerin gewinnt durch ihre Undurchschaubarkeit, die sie schließlich zu einer gefährlichen Gegnerin im bösen Spiel um die Leistungsnachweise macht. Christian Erdmann stellt als (Ost-)Vater, arbeitslos, einfühlsam und auf der Suche nach erotischen Abenteuern, das Gegenteil dieser undurchsichtigen Fädenzieherin dar: er lässt seinen Wolf die Karten stets offen auflegen und fächert die Emotionen dieses Mannes virtuos durch. Jaqueline Macaulay spielt Jessica, die Elternsprecherin, die ein auf Pragmatismus beruhendes Selbstbewusstsein ausstrahlt und so auf jedem gesamtdeutschen Elternabend anzutreffen ist. Ihre Gegenspielerin ist, als Katja, Oda Pretzschner, die das Kooperative der vom Leben Enttäuschten und Abgehärteten zeigt. Anna-Katharina Muck betont als von Köln hergezogene Marina das Emotionale der Entwurzelten, die sich aufgibt in ihrer Moralität; und Holger Hübner spielt als ihr Mann Patrick den Realo, der in Jäger-und-Sammler-Manier seinen uralten Weg geht. Die Regisseurin Barbara Bürk setzt auf ein gut abgemischtes Cuvée aus Komödie, Slapstick und Gesellschaftsdrama.
Ein sehr dichter Abend, der die Waage zu halten versucht zwischen psychologisch motiviertem Realismus und satirischer Überzeichnung. In einem Zeugnis würde vielleicht stehen: „Unentschieden, darum befriedigend“. Hier steht, nach langem Nachdenken: trotz mancher Fragen ein sehr guter, weil niemals den Zuschauer aus der Aufmerksamkeit fallen lassender Theaterabend.
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