Eine Stadt in Geschichten: München-Portraits von Franziska Sperr

Es sind immer und einzig die Menschen, deren Geschichten die Koordinaten einer Stadt bestimmen. Kein Stadtplan – und sei er noch so gut faltbar – kann erklären, wo die markanten Orte sind, was sehenswert ist und wie man dorthin kommt.

In München tragen diese Koordinaten Namen wie Franz von Lenbach oder Max Emanuel, Richard Strauss, Frank Wedekind,  Sophie Scholl, aber auch Gerhard Polt, Franz Beckenbauer oder Rainer Werner Fassbinder. „München – Eine Stadt in Biographien“ heißt das jetzt bei MERIAN in der Reihe „MERIANportraits“ erschienene neue Buch der in Berg lebenden Schriftstellerin Franziska Sperr, das sie am Sonntag, den 11. November um 11:01 Uhr im Valentin-Karlstadt-Musäum vorstellt (Tal  50, 80331 München).

Es sind einfühlsam geschriebene Portraits, die im Tonfall stets das Besondere, den Charakterisierten Auszeichnende nachempfinden und sichtbar machen und die trotzdem immer den klar identifizierbaren „Sperr-Sound“ in sich tragen. Wenn sie von Karl Valentin erzählt, beispielsweise: „Der ganze Mensch passt nicht, so windschief, wie er in der Welt steht, aus der Verankerung herausgerissen, im Clinch mit sich und den Tücken des Alltags. Es geht ihm nicht darum, die Tücken zu überwinden, sondern sie zu überleben! Die Welt und ihre Regeln, und wie kommt man damit zurecht?“  Das Portrait des Journalisten und Schriftstellers Sigi Sommer dagegen nutzt Franziska Sperr zu einer frechen kleinen Skizze des so typischen Munich-way-of-life, der so gerne all das tut, was mit dem Präfix „herum-„ beginnt, Tätigkeiten wie „herumsitzen“ oder „herumreden“. Könnte er besser Französisch, der Münchner, wüsste er, dass er der geborene Flaneur wäre, und der Geborenste unter den Flaneuren war natürlich der Sigi Sommer, dessen Flaniermeile die seinerzeit noch längst nicht so fassadenglänzende, markennamenjonglierende Sendlinger Straße war, doch das ist lange her: „Die Zeitungsmeile in der Sendlinger Straße gibt es jetzt nicht mehr. Keine Kommunalberichterstatter mehr, die nach der Stadtratssitzung im Rathaus über den Marienplatz oder den Rindermarkt flitzen, vorbei am schlendernden Sigi aus Bronze.“

Es ist ein großer bunter Stadtplan aus Persönlichkeits-Portraits, den Franziska Sperr da aufschlägt. Natürlich erzählt sie auch die historischen Biographien, taucht in die Stadtgeschichte ein, in die kulturhistorischen Kapitel der Metropole an der Isar. Aber ihr Schriftstellerherz schlägt für die Künstler des 20. Jahrhunderts, die ja auch in München eine große Spielwiese fanden. Ganz besonders gelungen sind die Portraits vom „Berger Nachbarn“ Oskar Maria Graf, vom bereits erwähnten Karl Valentin und jenes zu Rainer Werner Fassbinder, das einen so besonderen, melancholischen Unterton besitzt, wie er eben auch die Filme des großen, hierzulande verkannten Regisseurs auszeichnet. „München – Eine Stadt in Biographien“ von Franziska Sperr ist ein Buch für Münchner, für Zugereiste, für Stadtbesucher und für alle, die gern mehr haben als gutgemeinte In-Tipps. Unbedingt beim nächsten München-Besuch in den Rucksack packen und entweder im Café oder im Biergarten lesen.

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Über den Autor

Sabine Zaplin

Sabine Zaplin (sza)

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