Filmkritik: Tabu

Ein äußerst raffiniert erzählter Film ist „Tabu“ von Miguel Gomes. Wähnt man sich anfangs in einer von katholischer Schuld-Thematik durchdrungenen portugiesischen Sterbehilfe-Geschichte, so entführt eine jähe Rückschau der Dinge den Zuschauer ins noch kolonial geprägte Afrika der sechziger Jahre – sie beginnt, ähnlich wie schon viele Geschichten über Afrika, mit den Worten: „Aurora hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Monte Tabu…“

Diese Aurora (Laura Soveral), die bald nach Beginn des Films als vereinsamte 80-jährige in Lissabon zu Grabe getragen wird, hat einmal in Mosambik gelebt. Sie war einmal eine blühende junge Frau von 30 Jahren (Ana Moreira). Eine verheiratete Frau, die sich auf eine leidenschaftliche, lange verheimlichte Liebe mit Ventura (Carloto Cotta) einlässt und dafür eines Tages einen sehr hohen Preis bezahlen muss. „Tabu“, eine portugiesisch-brasilianisch-deutsch-französische Ko-Produktion, ist ein auf Schwarz-weiß-Material gedrehter Film, der zusätzlich noch die Ästhetik eines vergilbenden Foto-Albums atmet: Wie ein Echo aus ferner Zeit erinnern seine Bilder an eine verblasste, zuletzt auch verblichene Liebe, die einmal von strahlender Lebendigkeit gewesen sein muss. Das schiere Betrachten der wie aus dem Archiv geholt wirkenden Afrika-Bilder übt auf den Zuschauer einen unwahrscheinlichen Sog aus, denn es sind Bilder, die wie ein sich allmählich entfernendes, sich entziehendes Objekt zunehmende Unschärfe zu haben scheinen.

Es ist eine Geschichte von Unausweichlichkeit, von Grenzüberschreitung, von Tod und Schuld, die ein ganzes Leben bis zu seinem Ende prägen werden. Das lauernde Krokodil, ein Symbol für Sumpf, Verstrickung, Verhängnis: Es scheint immer schon zu warten, aber man muss es wohl auch füttern, damit es groß und gefährlich wird. „Tabu“ berichtet von Gesetzmäßigkeiten und Konsequenzen, ohne zu moralisieren.

Unsere Erinnerung an eine große Leidenschaft, an Schuld, Katastrophe und Untergang, sie ist ein Weichzeichner, ohne zu beschönigen, kennt nicht nur Schwarz und Weiß, aber den entscheidenden Satz: „Es war einmal“. Eines Tages wird auch die Erinnerung mit uns begraben sein – es sei denn, jemand rührt noch einmal daran und erzählt so wundervoll von einer Farm in Afrika, am Fuße des Monte Tabu. . .

„Tabu“ läuft noch am 1. und 2.Januar (jeweils um 21.15 Uhr)  im Breitwand-Kino Seefeld.

Der Trailer zum Film auf YouTube

Über den Autor

Thomas Lochte

Thomas Lochte (tlo)

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