Kabarettist Christoph Sieber lockte diesmal sogar drei Hunde hinterm Ofen hervor, wie Brettl-Chefin Monika Rother im restlos ausverkauften „Alten Wirt“ feststellen durfte: „Könnte sein, dass der heutige Abend von Gebell begleitet wird.“ Bei Siebers 2011 entstandenem (und 2012 mit dem Bayerischen Kabarett-Preis ausgezeichneten) Programm „Alles ist nie genug!“ wurde dann aber doch mehr gelacht als geknurrt – oder aus Vierbeiner-Sicht gesprochen: Es gab jede Menge Leckerli.
Das Programm ist ein Manifest gegen die Gier und gegen die um sich greifende All-Inclusive-Mentalität vieler Zeitgenossen. Der gebürtige Balinger verbindet bei seiner Art von Kabarett also einen hochmoralischen Ansatz mit der puren Lust am Ausreizen ins Wahnwitzige gesteigerter Szenarien – Kostprobe: das unterwassertaugliche iPad. „Damit filme ich dann wohl die Schwimmbad-Kacheln ab und poste sie sofort an meine Facebook-Freunde“, umschreibt Sieber den medialen Irrsinn der Neuzeit. Und wenn er mal wieder Bahn fährt, wird sofort „Schienersatzverkehr“ draus, ein großartig verdichteter Text, der sich anhört wie die Schilderung eines Flüchtlingstrecks aus Ostpreußen.
Sieber kommt eher sanft daher, doch es ist ihm durchaus ernst mit dem ganzen Spaß: Gerade hat er eine äußerst komische Nummer über 120 Kilo schwere Hobby-Radler in Telekom-Shirts „Größe M“ vom Stapel gelassen, da hält er unvermittelt für einen strengen Monolog inne und geißelt die vielen sonstigen Lebenslügen – vom ärztlichen Butterverbot für die 95-jährige Oma bis zur Billig-Billig-Philosophie der Discounter-Kundschaft, die letztlich dazu führen könnte, dass „wir bald selber die Regale einräumen“, weil ja immer mehr Personal eingespart wird. Bei Sieber kommen sie natürlich alle an die Reihe: Die längst entkoppelte Politiker-Kaste mit ihrer „Kaltmamsell“ Ursula von der Leyen und die im gerade angesagten Mainstream mit schwimmenden Weichspül-Sänger à la Xavier Naidoo – Sieber enttarnt sie zuverlässig: „Dieser Weg wird steinig und schwer? Hieß früher mal ,Das Wandern ist des Müllers Lust’!“ Sein Thema ist die Kontinuität der verschiedenen Volksverdummungsformen, soll nur ja keiner glauben, es wende sich irgendetwas zum Besseren! Sieber fordert das Aufbegehren gegen die einlullenden Zustände, Wut statt Konsens-Soße. Und er findet wunderbar passende Bilder für die fortschreitende Entmündigung der Menschen: Als bei seinen Eltern die mit Zeitschaltung gesteuerte Wohnzimmer-Jalousie um Punkt 21.30 Uhr herab rasselte, während die noch draußen den Abend genießen wollten, „mussten die mit 70 noch mal auf der Terrasse übernachten!“ Herrlich absurde Szenen sind das, und doch aus der Realität gespeist.
Der 43-jährige begeisterte in Wörthsee aber nicht nur mit Texten und klugen Gedanken: Am Ende lag ihm das Publikum (samt den drei Hunden) zu Füßen, weil er eine grimmassierende Tennis-Nummer in Superzeitlupe aufs Parkett legt, ganz in der Tradition der berühmten Torwart-Parodie eines Gert Fröbe. Vom Künstler selbst konnte man am Ende gar nicht genug kriegen – aber das war ja auch der Titel des Programms.
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