“Ich kann doch auch nichts dafür” – Dieter Hildebrandt in der Schlossberghalle

Die erste Pointe traf ins Schwarze, noch bevor Dieter Hildebrandt auf der Bühne war. Das gesamte Publikum in der ausverkauften Schlossberghalle musste um zwei Plätze nach rechts rücken. Ausgerechnet nach rechts, hier in Bayern, wo Hildebrandt seit 1949 wählt, aber als Wähler noch nie gesiegt hat.

Wahrscheinlich konnte keiner was dafür, dass die Bestuhlung falsch nummeriert war. Wie ja überhaupt in dieser Republik keiner mehr für irgendetwas dafür kann. Man kann bei der Bahn Tickets kaufen, die in Orte führen, die gar keinen Bahnhof haben und keiner kann was dafür. Für die Einweihung des neuen Flughafens Berlin waren schon die Reden geschrieben, als man merkte, dass zwei Feuerlöscher fehlten. Dann stellte man fest dass es keine Halle gibt, wo sie hätten stehen sollen. Keiner kann etwas dafür. Wahrscheinlich kann auch keiner was dafür, dass die Tour de France zu einer Tour de Trance geworden ist, dass das Fernsehprogramm unsäglich langweilig ist mit seinen unendlichen Formaten, die alles haben, bloß kein Format. Frau von der Leyen, mit der Hildebrandt nun wirklich seine Meinung nicht tauschen will, kann nichts dafür, dass Alte nicht jünger werden, allerdings verkauft sie die Tatsache vom hohen Ross herunter als kollossale Entdeckung. Die Merkel? Lässt überlegen! Steinbrück? Wird von den eigenen Leuten kleingeredet! Die FDP? Von den Gockeln will keiner einen Vortrag! Und die Piraten? Veräppeln und vergoogeln alles, haben aber den Vorteil, dass sie jung sind. Aber ob das bis ins hohe Alter reicht?

Keiner kann sich so intelligent über den geistigen, moralischen und politischen Niedergang der Republik empören wie Dieter Hildebrandt. Keiner sich so über die unsägliche Verblödung der Gesellschaft aufregen.  Es macht unendlichen Spaß, diesen wendigen, unerschöpflichen, bis ins letzte durchdachten Hildebrandt-Wortkaskaden zuzuhören, ihre geistige Eleganz und Geschmeidigkeit zu erleben, mit der der Kabarettist alle Themenfelder in wütender Raserei durchpflügt. Er schluckt einfach nichts, was ihm im Fernsehen, in den Nachrichten, in den Printmedien so vorgesetzt wird von Politikern, Moderatoren, Journalisten und – selten genug – er denkt nach über das was er in den Medien hört und sieht. Zweieinhalb Stunden jagte der 85-Jährige über die geistlose Wüste Deutschland, von Pointe zu Pointe. Ein Lacher folgte dem anderen. Von Alter, Müdigkeit keine Spur. Seine Stimme so jung und frisch wie eh und je und am schönsten wenn sie so leicht brüchig in die Höhe kippt.

Dieses „Ich kann doch auch nichts dafür“- Programm ist wieder einmal das Beste, was man je von Hildebrandt gesehen hat, getoppt nur von seinem Rentner-Rap, den er inzwischen auch noch mit wirbelnden Gehstock hinlegt. Die Starnberger dankten mit Riesenapplaus.

 

Dieser Beitrag erschien am 5.11.2012 im Starnberger Merkur

Über den Autor

Astrid Amelungse-Kurth

Astrid Amelungse-Kurth (aak)

freie Journalistin mit Schwerpunkt Kunst, Kultur, Historisches, Tradition und Vermischtes

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