Ja, auf seine Frau sollte man öfter mal hören – zum Beispiel, wenn die einen am Montagabend zum Jazz mit ins bosco schleift: “Listen To Your Woman” heißt das Album, dessen meiste Titel “Nils Wogram & Root 70″ beim Gastspiel in Gauting live zelebrierten.
Und wie sie das taten! Wohl selten hat man ein derart auf die Stärken der einzelnen Instrumente setzendes Konzert zu hören bekommen: Die deutsch-neuseeländische Formation kommt nämlich ohne präpotente Gitarre aus und besteht deshalb nur aus zwei Bläsern (Nils Wogram, Posaune und Hayden Chisholm, Altsaxophon), dem Kontrabassisten Matt Penman und dem Schlagzeuger Jochen Rückert.
Diese Grundanordnung allein wäre noch kein Aufreger, wenn sich die Vier nicht an unseren Hörgewohnheiten ernstlich zu schaffen machten: Befreit vom konventionellen Glauben, dass “die Mannschaft der Star” sei (Berti Vogts), darf jeder dieser “Incredible Four” jederzeit zeigen, wie vollkommen jedes einzelne Instrument zur Geltung kommt, wenn sich die anderen nur entsprechend zurücknehmen. Mit der üblichen, oft ermüdenden Abfolge von Solo-Passagen hat das nichts zu tun – hier entfaltet sich eine “Blüte” nach der anderen in aller Ruhe zu voller Pracht. Wogram testet dabei immer wieder auch die physischen Grenzen seiner Trombone aus. Bis zum atonalen Rohrkrepierer kann das manchmal gehen und eine ebenso konzentrierte wie lässige Atmosphäre erzeugen, die etwas von leisen Tönen, vom behutsamen Umgang der Musiker untereinander, von Rücksichtnahme erzählt: Listen To Your Woman!
Ein Ereignis für sich ist Hayden Chisum, der sein Altsaxophon in unbeirrbar fröhlicher, zarter Individualität handhabt – kein Ton ist ihm zu hoch, keine Note zu schräg, als dass er sie nicht einfinge in einer warmherzigen Art und Weise. Gemeinsam mit Wogram hangelt er sich immer wieder zu Klangtexturen, für die man eher den unwahrscheinlichen Weg wählen muss – und sogar als Vokalakrobat und Rezitator, der seinen “Homeland´s Sky” feiert, glänzt der Neuseeländer: Es ist das Überraschungsmoment, mit dem bei “Root 70″ allzeit und bei jedem Einzelnen zu rechnen ist.
Jochen Rückert serviert dazu ein derart cooles Drumming, das man zu Anfang meinte, hinter der Bühne hätte ihm gerade der Manager die Gage gekürzt. In Wahrheit alles bloß Understatement bzw. die unmittelbaren Folgen deutscher Autobahn-Gastronomie (Unwohlsein): Wenn man aber Rückerts Reggae-Taktung bei “Behind The Heart Beat” erlebt hat, weiß man Bescheid, dass da die pure Vielseitigkeit lauert.
Auch bei Bassist Matt Penmann ist das nicht anders – er beteiligt sich zum Beispiel bei “Twenty Four” am furiosen Migrantentum durch angeblich 24 verschiedene Tonarten, die das Quartett in spielerisch wirkender Leichtigkeit aufs Parkett legt. Nicht zufällig ist das Opus magnum dieser Vier mit “Precision” betitelt. “Root 70″ gelang es einen ganzen Abend lang, jedem Stück einen einzigartigen Geist einzuhauchen, ohne sich auch nur eine Sekunde zu wiederholen oder ins Traditionelle einzuschwenken. Chisum deklamierte zwischendurch, es wäre für ihn das Schönste, in seiner Heimat den Schnee schmelzen zu sehen (“To see the snow melting in this early spring…”), doch als er ein wenig melancholisch hinzufügt, dass er gerade nicht das Geld habe zum Reisen, da greift er schnell wieder zu seinem Altosax und “fliegt” einfach los….
(Nils Wogram & Root 70 spielen am 6.11. in Fürstenfeldbruck und am 9.11. in Pullach)
www.nilswogram.com
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